A. M. Berger

Bescheidener Hausierer von Geschichten und Traktaten.

Kapitel 5

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Über die kommenden Tage sagte ich alle meine Termine und Aktivitäten ab, ich konnte kaum klar denken, ständig erwartete ich, dass mir irgendwo erneut diese grässliche weisse Visage erscheinen würde, und dass sie mich gerade in dieser Zeit zu verschonen schien, machte das ganze fast noch schlimmer. Wie ein Einsiedler hatte ich mich in meiner Bibliothek verbarrikadiert, versuchte in einem der Bücher meiner endlosen Sammlung Antworten darüber zu finden, was hier vor sich ging, doch es war völlig zwecklos. Die einzige verwertbare Information, auf die ich stiess, war ein Traktat über Heimsuchungen, in welchem dargelegt wurde, dass eine solche zumeist durch das Stören der Ruhe einer solchen Erscheinung ausgelöst wurde. Doch wirklich weiter half mir das auch nicht.

«Berger-sensei, sie müssen zur Ruhe kommen», sagte mein Diener Fujimoto zu mir, als er mir ein belegtes Brot als Mittagessen offerierte, merkbar um meines geistigen Zustandes besorgt. Ich warf mir die Hände an den Kopf.

«Ja doch, aber ich kann doch nicht einfach hier herumsitzen und zulassen, dass Jean Scheisshaus mit meinen Gedanken spielt», sagte ich, «dann werde ich doch erst recht dem Wahnsinn verfallen.»

«Dann vielleicht sie müssten Rat suchen bei jemandem, der ihnen helfen kann», meinte Fujimoto.

«Nein!», sagte ich, «es… es gibt nur einen Mann, der mir hier weiterhelfen könnte – doch ich wage es nicht, ihn darum zu bitten.»

«Fliehen sie nicht vor ihrem Schicksal, Berger-sensei», sagte Fujimoto weise.

Ich liess den Kopf hängen und nickte. Er hatte Recht. Ich musste ihn aufsuchen, nur er konnte mir weiterhelfen.

Nach einer unruhigen Nacht, in der ich erneut von Albträumen geplagt wurde, bot ich meinen Chauffeur auf, um die mehrstündige Fahrt anzutreten. Durch dunkle Wälder und über windende Strassen führte der Weg, bis wir schliesslich schon gegen Abend die alte Burgruine erreichten. Hier wohnte niemand anders als Bartholo-Valentino Garond Gomez Secondat de Chaumès, ein Mann der ebenso weise und belesen wie auch exzentrisch und flamboyant war, bei dem jeder Satz klang, als wäre es ein Rätsel verapackt in einem Mysterium und eingewickelt in etwas klebrigem und ekligem.

Er hatte Teile der Burgruine, die seit Generationen im Besitz seiner Familie war, zu einem Heim eingerichtet, so exzentrisch wie auch er selbst, ohne Strom oder fliessend Wasser, dafür mit einem geräumigen Wohnzimmer, wo er regelmässig zu seltsamen Veranstaltungen Gäste empfing; ebenso verfügte er über einen grosszügigen Folterkeller, in dem mehr als einer, der ihm missliebig gewesen sein soll, sein Verderben gefunden hatte.

Ich klopfte an die schwere Holztür in einem der steinernen Türme, und wenig später öffnete sich diese, und vor mir stand jene mystische Figur des Bartholo-Valentino Garond Gomez Secondat de Chaumès, gekleidet in einem Morgenmantel aus schwarzem Leder, mit spitz zulaufenden goldenen Schuhen an den Füssen und einer Zipfelmütze aus rosa Samt auf dem Haupt.

«Ah, Berger», sagte er, «ich hatte dich bereits erwartet.»

«Wirklich?»

«Nein.»

«Ach so. Kann ich reinkommen?», fragte ich. Er bat mich mit einer Geste hinein.

Das Innere dieses Anwesens, im Fehlen vom elektrischen Licht mit dutzenden Kerzen beleuchtet, war mit zahlreichen Perserteppichen und Haufen von Kissen eingerichtet, sodass der Eindruck einer Travestie auf einen Scheichspalast entstand. Bartholo-Valentino setzte sich auf einige Kissen und deutete auf einen anderen kleinen Berg aus Samt und Federn, worauf ich Platz nehmen sollte.

«Ich komme zu dir, Bartholo-Valentino Garond Gomez Secondat de Chaumès», begann ich, «wie jedes Mal, wenn mein eigenes Wissen mir versagt.»

Ein Diener, gekleidet in einem Ganzkörperlederanzug und mit einem Knebel im Mund, trat ein, auf einem Tablett zwei aufwändig zubereitete Cocktails die mit Scheiben von Passionsfrucht, Ananas und einem kleinen, bunten Regenschirm verziert waren. Ich bekam einen dieser Cocktails in die Hand gedrückt und genierte mich, davon zu trinken, doch Bartholo-Valentino schaute so bohrend auf mich, dass ich mich gezwungen sah, dem Anstand halber einen Schluck dieses viel zu süssen Gebräus zu mir zu nehmen.

«Bitte, nenn mich Heinrich», sagte er.

«Heinrich?», fragte ich, «warum jetzt Heinrich?»

«Es ist ein schöner Name», antwortete Bartholo-Valentino. «Also, was ist es, das du von mir wissen willst?»

«Es geht um… Jean Scheisshaus», sagte ich flüsternd, als ob ich fürchtete, von jenem grauenvollen Phantom überhört zu werden. Bartholo-Valentinos Augen weiteten sich, als er den Namen Jean Scheisshaus hörte.

«Jean Scheisshaus» sagte er, «das ist ein Name, den ich schon seit langer Zeit nicht gehört habe.»

«Was weisst du darüber?», fragte ich. Bartholo-Valentino nahm einen grosszügigen Schluck von seinem Drink.

«Den Legenden zu folge ist Jean Scheisshaus ein Phantom aus einer fremden Dimension, einer völlig anderen Ebene der Realität», erklärte er. «Irgendetwas hat in der Vergangenheit ausgelöst, dass diese verschiedenen Universen sich berührten
– unsittlich berührten – und diese Verbindung hierzwischen erleben wir als Jean Scheisshaus.»

«Gut, das ist einleuchtend», meinte ich, «aber warum ausgerechnet ich? Warum sucht er mich heim?»

«Es scheint, der Jean Scheisshaus bindet sich an einen Menschen, der eine Art von irdischem Wirt für ihn darstellt. Dies geschieht üblicherweise, indem jemand mit den unheiligen Schriften in Kontakt gekommen wäre. Und es sind nur dieselben unheiligen Schriften, die ihn auch wieder verbannen könnten.»

Ich erschrak bei diesen Worten, denn mir deuchte, worauf Bartholo-Valentino hinauswollte. Ein grauenvolles Buch, welches in einer geheimen Bibliothek in den fernsten Tiefen jenes abscheulichen Landes bekannt als «Frankreich» einmal gelesen hatte, auf meiner Suche nach Erkenntnissen, die ich in meine Geschichte könnte einfliessen lassen.

«Du meinst nicht etwa…», begann ich.

«Doch», sagte Bartholo-Valentino, «der Scheisshausnomicon.»

Ein Kommentar zu «Die Heimsuchung durch Jean Scheisshaus – Kap. 5»

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Herr Berger

A. M. Berger, der bescheidene Hausierer von Geschichten und Traktaten, ist in der Schweiz ansässiger Philosoph und Autor von Romanen und Kurzgeschichten.
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