A. M. Berger

Bescheidener Hausierer von Geschichten und Traktaten.

Kapitel 4

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Im Flughafen Ezeiza von Buenos Aires, stieg ich aus meinem Privatflugzeug, auf die Rollbahn fernab der Masse, die mir wohl kaum ohne Weiteres erlaubt hätte, den Flughafen einfach so zu verlassen, bevor ich nicht all ihren Gratulationen und Vergötterungen zugehört hätte. Ich lief die Fluggasttreppe hinab bis zur Limousine, die bereits auf mich wartete. Eine Protokollassistentin begrüsste mich, ihre Aufgabe war es, mich zu den zahlreichen Terminen zu geleiten, die hier auf mich warteten. So sehr es mich mit Stolz und Freude erfüllte, den Menschen auf der ganzen Welt Freude und Weisheit durch meine Bücher zu vermitteln, so waren diese Tourneen doch sehr mühselig. Aber ich sah es als meine Pflicht an, gegenüber dem Publikum, das mir zu meinem unendlichen Ruhm und Reichtum verholfen hatte.

Ich stieg in die Limousine, die Assistentin stieg auf der anderen Seite ein und begann mir schon zu erklären, was mir alles bevorstand: Treffen mit Milei, Ansprache an der Universität von Buenos Aires, Segnung durch den Erzbischof, das übliche Programm. Kurz nach dem Einsteigen drehte sich der Chauffeur kurz zu mir, um mich zu begrüssen, ich achtete erst nicht auf ihn, da meine Aufmerksamkeit den Ausführungen meiner Assistentin galten, doch dann bemerkte ich plötzlich aus dem Augenwinkel, dass etwas mit dem Mann am Steuer nicht stimmte. Ich drehte mich zu ihm und sah plötzlich das Gesicht von Jean Scheisshaus. Ich erstarrte, schloss reflexartig die Augen, und als ich sie wieder öffnete, sah ich das lächelnde Gesicht des argentinischen Fahrers, der mich grüsste und sagte, welche Ehre es ihm war, mich durch Buenos Aires chauffieren zu dürfen.

Ich hegte inzwischen zu jedem Zeitpunkt Zweifel daran, ob mein Erlebnis noch immer real sei, oder ob ich schon wieder in einer höllischen Vision von Jean Scheisshaus gefangen war. Doch war wohl tatsächlich nur meine Einbildung gewesen – zumindest dieses Mal.

Das Treffen mit Präsident Milei verlief sehr angenehm, er schwärmte über meine Bücher und sagte, dass es diese gewesen wären, die ihn schliesslich zu seiner Karriere als Politiker motiviert hatten, nachdem sie ihm die Augen über die unerklärliche Natur unserer Realität geöffnet hatten.

Wir sassen wohl gute Zwei stunden zusammen in der Casa Rosada, als mich schliesslich meine Assistentin darauf aufmerksam machte, dass wir bereits spät dran waren für den Termin an der Universität. Ich entschuldigte mich bei Präsident Milei, dass ich ihm nicht mehr Zeit widmen konnte, doch er zeigte sich durchaus verständnisvoll, angesichts der Tatsache, dass ich mich auch den jungen Studenten seines Landes zur Verfügung stellte.

Nur ein kurzes Stück vom Präsidentenpalast erreichte ich die Fakultät für Philosophie und Geisteswissenschaften der Universität von Buenos Aires, wo ich eine Ansprache halten sollte und anschliessend Fragen der Studenten beantworten würde. Ich betrat das ansehnliche Art-Nouveau-Gebäude, das sich in den engen Strässchen der Innenstadt versteckte, und wurde zum grössten Hörsaal geführt.

Der Raum, der eigentlich für nur um die 500 Leute ausgelegt war, war vollkommen überfüllt, jeder Quadratmeter noch von Stehpublikum besetzt, und einzig ein enger Gang zwischen der Tür und der Bühne erlaubte es mir, diese zu erreichen. Sobald das Publikum bemerkte, dass ich den Saal betreten hatte, brach ein ohrenbetäubender Jubel aus. Die Glücklichen, die ganz vorne an der Absperrung standen, hielten mir Bücher hin, als dass ich diese signiere, was ich, im Rahmen des Möglichen, natürlich auch tat, doch die Zeit erlaubte es nicht, auf alle dieser Wünsche einzugehen.

Ich wurde vom Rektor der Universität kurz vorgestellt, obwohl ich, wie er selbst sagte, eigentlich gar keiner Präsentation bedarf. Hiernach trat ich an das Podest, begrüsste die Studenten – in makellosem Spanisch, versteht sich – und schaute dann kurz auf meine Notizen, wo ich mir notiert hatte, was ich vortragen wollte. Als ich dann den Blick hob, sah ich plötzlich nicht mehr die argentinischen Studenten, stattdessen waren im Saal allesamt Jean Scheisshaus. Ein ganzer Hörsaal gefüllt mit tausend Jean Scheisshäuser stand vor mir. Sie starrten mich mit ihren kalten weissen Gesichtern und jenem unwirklichen Lächeln an, bevor sie sogleich alle in wahnwitzigem Lachen ausbrachen, begleitet von den tänzelnden Bewegungen, die mir wir reines Grauen vorkam.

Ich war wie gelähmt von diesem Anblick, der schlimmer war als alles, was ich in meinen grauenvollsten Albträumen jemals gesehen hatte. Die Jean Scheisshäuse nahmen sogleich ihre Sprühflaschen hervor, und begann den Raum mit ätzender Flüssigkeit voll zu sprühen, bis mein ganzer Hals und Rachen brannten und ich nicht mehr atmen konnte. Kurz darauf wurde mir schwarz vor Augen.

Ich kam an einem völlig anderen Ort wieder zu mir, es war dunkel hier und ich lag auf einem harten Boden. Ich sah mich um und erkannte, dass es eine einsame Strasse war, die schnurgerade durch einen dichten Wald führte. Es war nachts, obwohl es zuvor erst Vormittag gewesen war, ich schaute in den Himmel, sah aber keine Sterne und keinen Mond. Ich stand auf und sah mich um, völlig verwirrt darüber, wo ich überhaupt war, und wie ich hierhergekommen war, doch ich fand keinen Hinweis, der mir hierüber eine Antwort hätte liefern können.

Ich blickte eine Weile die Strasse entlang, ob ich in der Ferne wohl eine Siedlung oder zumindest ein Strassenschild erkennen könnte, doch es war vergebens. Ich drehte mich um, und sah plötzlich Jean Scheisshaus auf der Strasse stehen, neben einem weissen Lokus aus Porzellan.

«Jean Scheisshaus», sagte ich nur. Er lachte wahnwitzig mit seinem unmenschlichen Gesicht, und sprang herum, was seine schwarze Kutte flattern liess.

«Was willst du Unhold von mir?», fragte ich. Er deutete fragend auf sich selbst und zog mit seinem leblos erscheinenden Gesicht eine Grimasse.

«Du», sagte er schliesslich.

«Was – was ist mit mir?», fragte ich verwundert.

«Was willst DU von mir?», fragte mich Jean Scheisshaus.

«Wieso ich?»

«Du hast mich gerufen», sagte er, «also werde ich dich heimsuchen. Bis in alle Ewigkeit.» Und er begann wieder zu lachen und durch die Gegend zu hüpfen.

«Nein, das kann nicht…», stammelte ich, «nein… NEIN! NEIN!»

Ich wachte im Hörsaal auf, während ich immer wieder «Nein! Nein!» rief. Im Hörsaal waren jetzt wieder – oder eher: noch immer – die Studenten versammelt, die besorgt auf die Bühne schauten, wo mich bereits zwei Sanitäter betreuten. Mit Bedauern verkündete der Rektor, dass die Ansprache abgesagt werden sollte. Die Sanitäter wollten mich derweil ins Krankenhaus bringen, doch ich lehnte dies ab. Ich wusste genau, dass kein Arzt der Welt etwas gegen das, was mit mir passierte, unternehmen könnte. Ich bräuchte eine ganz andere Art von Hilfe.

Zu Kapitel 5

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Herr Berger

A. M. Berger, der bescheidene Hausierer von Geschichten und Traktaten, ist in der Schweiz ansässiger Philosoph und Autor von Romanen und Kurzgeschichten.
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