A. M. Berger

Bescheidener Hausierer von Geschichten und Traktaten.

Kapitel 3

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Mich erwartete gerade zu diesem Zeitpunkt eine weltweite Tournee zur Veröffentlichung meines neuesten Buches, dem zweiten Band aus der Archivar-Reihe, welche von hunderten Millionen Menschen sehnsüchtig erwartet wurde. Einige Politiker hatten ihre Bedenken geäussert, dass die globale Papierproduktion über Wochen nur dafür genutzt wurde, meine Bücher zu drucken, um dieser kolossalen Nachfrage gerecht zu werden, doch wahrscheinlich bereuten sie jene Worte in ihren letzten Augenblicken, bevor sie von einem wütenden Mob gelyncht wurden.

Wann immer ich gefragt wurde, beteuerte ich solches Handeln, doch letztlich tat ich bereits mein Bestes, den Menschen von seinen primitiven Instinkten hinweg zu intellektueller Erhöhung zu führen, doch letztlich war ich auch nur ein armseliger Autor, wenn auch von Milliarden von Menschen verehrt und mit einem unermesslichen Reichtum.

Auf meinem eigenen Flugplatz, unweit meines Anwesens gelegen, wartete bereits mein Privatflugzeug, eine mit exzellentem Geschmack hergerichtete Airbus A380, die über alle nötigen Vorzüge verfügte, die eine Person meiner Kategorie benötigte, ein Salon im Jugendstil, mit Interieur aus Walnuss-, Eichen- und Mahagoniholz, Einbauten aus Messing und Gold und beschmückt mit Gemälden der alten Meister. Auf der Reise begleitete mich zudem mein persönliches Streichquartett, da ich die Gelegenheit nutzen wollte, meinem Sinfonieorchester eine Auszeit zu gewähren.

Ich nahm auf einem der dunkelgrünen, samtbezogenen Sessel Platz, und die Reise begann unverzüglich, da der ganze kommerzielle Flugverkehr kurzzeitig angehalten wurde, um mir den Vortritt zu gewähren. Ich war eine Weile lang eingenickt und ausnahmsweise von den Alpträumen verschont worden, in denen ich dieses furchterregende Antlitz des Jean Scheisshaus sehen musste. Als ich erwachte, war es bereits dunkle Nacht.

Ich stand aus dem bequemen Sessel auf, mit der Absicht, mir ein Abendessen servieren zu lassen, und streckte mich erst einmal. Es schien mir lange her, dass ich auch nur einige Stunden hatte schlafen können, ohne vom Schrecken des Jean Scheisshaus geplagt zu werden. Ich schaute durch ein Fenster in die dunkle Nacht draussen, einzig von den Warnleuchten des Flugzeugs erhellt, als sich draussen plötzlich aus dem dunklen Nichts her plötzlich dieses weisse Antlitz zu mir drehte. Mein Herz blieb in dem Moment wohl mehrere Sekunden stehen.

Ich fiel rücklings zu Boden, doch als ich mich gefasst hatte, stand ich wieder auf und schaute erneut durchs Fenster. Tatsächlich sah ich dort, auf dem Flügel der Flugmaschine sitzend, die kaum erkennbare Silhouette des Jean Scheisshaus, mit diesem abscheulichen weissen Gesicht. Trotz des Fluglärms und der dicken Scheiben meinte ich, sein wahnwitziges Lachen hören zu können. Ich presste mein Gesicht an die Fensterscheibe und versuchte zu erkennen, was da draussen vor sich ging. Mir schien, Jean Scheisshaus machte sich an der Mechanik des Flugzeuges zu schaffen.

Ich rief sofort nach den Bediensteten, und als eine Stewardess erschien, befahl ich ihr, sofort den Piloten hierherzubringen. Während ich wartete, schaute ich weiter nach draussen, wo dieses dunkle Spektrum eine Abdeckung des Flügels geöffnet hatte und begann, die Leitungen herauszureissen.

«Herr Berger, stimmt denn etwas nicht?», fragte der Pilot, als er kurz darauf zu mir kam.

«Da draussen… er! Macht etwas – sehen sie doch», stammelte ich und deutete auf das Fenster.

Der Pilot schaute eine Weile durch das Fenster und kehrte sich dann mit verwundertem Gesicht zu mir zurück.

«Herr Berger, ich versichere Ihnen, da draussen gibt es nichts, es ist alles in bester Ordnung.

Ich drehte mich blitzartig erneut zum Fenster und schaute nach draussen, wo tatsächlich nichts abstruses mehr zu sehen war. Auch den Schaden, den Jean Scheisshaus in meiner Vision verursacht hatte, war wie nie dagewesen.

«Ich… habe es mir wohl nur eingebildet…», sagte ich verlegen. 

Der Pilot lächelte ein Wenig gezwungen und sagte: «Machen sie sich keine Sorge, wir haben alles hier unter Kontrolle. Legen sie sich am besten ein wenig hin bis wir in Buenos Aires ankommen.»

Der Pilot ging wieder zurück ins Cockpit, und ich wollte mir nicht ausmalen, was er seinem Kopiloten wohl über mich erzählen würde.

«Kann ich ihnen noch behilflich sein?», fragte die Stewardess.

«Nein, alles gut», sagte ich ausgelaugt, «ich werde auf den Rat hören und mich etwas hinlegen. Danke.»

Ich setzte mich wieder auf den Sessel und lehnte mich zurück, im Versuch, etwas Ruhe von alledem zu finden. Ich schloss die Augen, redete mir wieder und wieder ein, dass alles nur meine Einbildung sei. Es gibt doch gar keinen Jean Scheisshaus, das ist nur ein Fiebertraum, der Stress vom neuen Buch.

Ein Klopfen riss mich aus meinen Gedanken. Es kam von meiner rechten Seite. Ich ignorierte es, es war wohl nur ein Geräusch des Flugzeugs, wie so viele. Doch erneut klopfte es. Als ich schliesslich die Augen öffnete, blickte ich zum Fenster hinüber, wo ich draussen die unheilvolle weisse Visage von Jean Scheisshaus sah, der von draussen her an das Fenster klopfte. Als er meine Aufmerksamkeit hatte, begann er zu lachen, und obgleich ich ihn nicht hören konnte, hörte ich geistig sein schrilles, wahnwitziges Lachen, das mich jedes Mal an den Rand des Wahnsinns trieb.

Dann entfernte sich Jean Scheisshaus vom Fenster, lief ein Stück weit auf dem Flügel, und begann sich erneut an der Mechanik zu schaffen zu machen. Kurz darauf war ein lautes Geräusch zu hören, und Turbulenzen erschütterten die ganze Maschine. Hierauf folgte ein Blubbern, welches ich aus der Richtung der Toilette vernahm, und das sich sogleich zu einem Rauschen wandelte. Die Tür zur Toilette öffnete sich schlagartig und ich sah, wie ein endloser Strom an Abwasser aus der Toilette floss und sogleich begann, das ganze Flugzeug zu überschwemmen.

Die Gülle begann mich vollkommen zu umschliessen, der ganze Raum füllte sich mit beängstigender Geschwindigkeit, dass mir nunmehr bange wurde, darin zu ertrinken. Mir stand das Abwasser bis zum Halse, als ich aus der Toilette her Jean Scheisshaus sah, wie er gemächlich auf einer Luftmatratze über die übelriechende Flüssigkeit trieb, in seiner linken Hand eine geöffnete Kokosnuss, deren Saft er durch einen Strohhalm schlürfte. Danach lachte er, sein Lachen wurde immer lauter, bis ich nichts mehr hörte ausser seinem Lachen, und mir schwarz wurde vor Augen.

Ich erwachte in meinem Sessel an Bord des Flugzeugs, um mich herum alles in bester Ordnung, keine Überflutung mit Abwasser, kein Jean Scheisshaus, keine Beschädigung am Flugzeug. Einzig neben der Toilette sah ich eine geöffnete Kokosnuss mit einem Strohhalm liegen.

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Herr Berger

A. M. Berger, der bescheidene Hausierer von Geschichten und Traktaten, ist in der Schweiz ansässiger Philosoph und Autor von Romanen und Kurzgeschichten.
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