A. M. Berger

Bescheidener Hausierer von Geschichten und Traktaten.

Im Film „Don’t Look Up“ aus dem Jahr 2021 geht es um eine Wissenschaftlerin, welche entdeckt, dass ein Meteor direkt auf die Erde zusteuert. Sie versucht die Menschheit zu warnen, doch wird nicht ernst genommen; die Politik versucht die Krise auszuschlachten, ein Unternehmer will Profit daraus schöpfen, und die Medien ziehen sie ins Lächerliche. Der Film sollte eine Satire auf den menschengemachten Klimawandel und den gesellschaftlichen Umgang damit werden, wird aber oftmals auch als Allegorie über die Covid-„Pandemie“ verstanden. Heute könnte man sie sogar auf die vermeintliche Bedrohung der westlichen Welt durch den Ukraine-Konflikt ausweiten.

Dass diese mutmassliche Satire auf so unterschiedliche Steckenpferde des öffentlichen Diskurses übertragen werden kann zeigt, wie gut sie sich in das relativ starre Konzept dieser Narrative einfügt. Folglich ist aber eine – wohl unerwünschte – Funktion dieses Filmes, dass vielmehr der Grundgedanke der postmodernen Narrative veranschaulicht werden. Diese lässt sich hieraus sehr klar abstrahieren: Die Wissenschaft, monolithisch und praktisch unfehlbar, weist auf offensichtliche, unwiderlegbare Probleme hin, welche durch boshafte Akteure wie Politik, Medien und vor allem Verschwörungstheoretikern geleugnet werden, was letztlich dem Fortschritt der Menschheit Steine in den Weg legt. Hier sieht man schon, welches Niveau an Manichäismus vorliegt.

Die Grundlage dieses Konzeptes ist fundamental dogmatisch: Es geht von einer absoluten wissenschaftlichen Wahrheit aus, welche zu bezweifeln töricht wäre. Hierfür nimmt der Film einen Strohmann-Handlungsstrang eines Meteoren der auf die Erde stürzt. Eine Krise, welche logischerweise nicht zu leugnen wäre, soll als Metapher für komplexe Krisen (oder pseudo-Krisen) herhalten, wie eben Klimawandel oder Pandemie. Hierdurch wird die Komplexität letzterer Phänomene wie auch die Ungenauigkeit von deren Deutungen gänzlich negiert. Die Frage, ob der Klimawandel vielleicht kaum oder gar nicht durch den Menschen verursacht wird, ist gar nicht zulässig; ebensowenig die Frage, ob Covid überhaupt die Gefahr darstellte, die kolportiert wurde. Wie in der linksprogressiven Satire üblich, geht es nicht darum, Gegensätze oder Paradoxe blosszustellen, sondern den Kritiker, den Skeptiker, den Andersdenkenden zu beleidigen oder zu entmenschlichen.

Anschliessend folgt die Darstellung der Reaktion hierauf. Politik, Medien oder „Big Tech“ werden als wissenschaftsfeindliche Komplizen dargestellt. Dies ist jenseits vom Dogmatismus bereits blanke Irreführung, denn eine überwältigende Mehrheit der Medien hat sowohl bei Covid wie auch bei Klimawandel nachweislich das angeblich „wissenschaftliche“ Narrativ gänzlich übernommen. Viele soziale Netzwerke haben sogar offen zugegeben, Zensur gegen kritische Aussagen geübt zu haben. Die Darstellung zeigt, dass der Blickpunkt des Filmes sehr USA-zentrisch ist, da es in den USA immerhin einen im Vergleich zu Europa ausgewogeneren öffentlichen Diskurs gibt, mit breiten Teilen der Bevölkerung die den gängigen Narrativen skeptisch gegenüberstehen, zahlreichen alternativen Medien und dem damaligen Präsidenten Trump, der gewisse solcher skeptischen Ansichten vertrat. Doch all dem zum Trotz ist die Vorstellung, dass es sich hierbei um einen monolithischen Block handelt, welcher diese Skepsis antreibt, utopisch. Realitätsfremde ist ebenfalls ein Kennzeichen linksprogressiver Satire, da sich diese Realitätsauffassungen selber bereits von der Suche nach einer objektiven Realität entfernen.

Es kommen zwei gegenüberstehende Konzepte zusammen, welche fundamental für die Auffassung unserer gesellschaftlich-epistemologischen Realität sind: die Idee, dass eine grosse Masse der Bevölkerung aufgrund der Irreführung durch populistische Politiker und Alternativmedien und wider der ständigen Ermahnung durch seriöse Politiker und Mainstream-Medien zu nützlichen Idioten werden, die eine offensichtliche Bedrohung, welche ihnen von der wohlwollenden Wissenschaft aufgezeigt wird, ignorieren.

Demgegenüber stünde die entgegengesetzte Betrachtung: Dass es die Wissenschaft ist, welche entweder irren könnte oder sich gar instrumentalisieren lässt, und ein Narrativ produziert, das von Medien und Politikern verbreitet wird und eigentlich nur dem Interesse von Machtgier und Lobbygruppen dient, welches dann aber von skeptischen Denkern und alternativen Medien unter einem Hagel von Diffamierung in Frage gestellt wird.

Abstrahiert man diese Konzepte, läuft es darauf hinaus, ob eine falsche Bedrohung weiss gemacht wird, oder die Leugnung einer echten Bedrohung verbreitet wird. Im Vornherein könnten beide Konzepte plausibel sein.

Betrachtet man die Menschheitsgeschichte, vor allem in der Neuzeit, gibt es sehr viele Beispiele für ersteres, aber sehr wenige für letzteres. Es ist sehr schwer ein historisches Beispiel dafür zu suchen, dass eine Gesellschaft wissentlich und in Missachtung lautstarker Warnrufe in ihr Verderben gelaufen ist. Wann immer es gesellschaftliche Katastrophen gab, hatten diese den öffentlichen Diskurs, d.h. die Medien und die Informationsverbreitung, auf ihrer Seite. Das ist so offensichtlich und intuitiv, dass der anfangs genannte Film genau dort das sog. „Gaslighting“, die eklatante Irreführung ansetzt, und die Situation darstellt, dass Medien und „Big Tech“ auf der Seite der Skeptiker stünden und unverantwortlich den Weg ins Verderben antreiben.

Anders formuliert: Nicht jedes mediale Narrativ führt ins Verderben, aber in jedes Verderben hat ein mediales Narrativ geführt. Praktisch niemals kam das Verderben wider dem medialen Narrativ. Und das ist schlussendlich die lapidare, einschlägige Tatsache, welche kein Mainstream-Medium anerkennen möchte.

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Herr Berger

A. M. Berger, der bescheidene Hausierer von Geschichten und Traktaten, ist in der Schweiz ansässiger Philosoph und Autor von Romanen und Kurzgeschichten.
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