A. M. Berger

Bescheidener Hausierer von Geschichten und Traktaten.

Kapitel 1

Gestatten, mein Name ist Berger. Sie kennen mich womöglich als den Autor jener unterhaltsamen, obgleich bizarren Geschichten, die in meinen Büchern festgehalten sind. Diese Geschichten, so meinen viele, mögen frei erfunden sein, einzig die abstrusen Gespinste einer ausartenden Phantasie, doch wahrlich, dem ist nicht so. Für meine Geschichten recherchiere ich mit grossem Aufwand wahre Begebenheit, Geschehnisse, die so seltsam sind, dass man sie nur als reine Fiktion abtun könnte. Jedoch, so muss ich ernsthaft zugeben, hatte ich nie erwartet, dass ich einmal selbst zum Mittelpunkt einer derartigen Begebenheit werden sollte, heimgesucht von einer Erscheinung so grauenvoll, einem dermassen abscheulichen Spektrum, dass mir die Worte fehlen, um es zu beschreiben.

Es begann an einem verregneten Abend im Januar, ich sass in der Bibliothek meines ländlichen Anwesens, «Schloss Berger» genannt, umgeben einzig vom Geräusch des knisternden Kaminfeuers, welches durch Stille der enormen Gewölbe dieser gotisch anmutenden Bibliothek hallte. Es war ein mühseliger Tag gewesen, wie es oftmals der Fall war, wann immer ich die Abschottung dieser schützenden Gemäuer verliess, denn beinahe nur an diesem Ort konnte ich einen sicheren Rückzug finden vom ständigen und unaufhörlichen Verlangen, das die Welt an einen Intellekt wie den meinen stellte. Wenn es nicht Staatsoberhäupter waren, die meinen Rat suchten, so waren es Akademiker, die nach meiner Weisheit hungerten oder Künstler, die gar nur Krumen meines Genies abzubekommen wünschten.

Das Treffen mit dem Schweizer Bundespräsident an diesem Tag hatte mich vollkommen ausgelaugt, mich überkam nach solchen Konversationen immerzu der Zweifel, wie die Welt überhaupt ohne meine Beihilfe nicht dem völligen Chaos und der Anarchie verfallen sollte. Vielleicht war es aufgrund dieser Erfahrung, dass ich die Anfrage, die ich beim Verlassen des Bundeshauses erhielt, eine Ansprache in der Fakultät für Literatur an der Universität Zürich zu halten, kategorisch ablehnte – aber ich konnte ohnehin mit diesen nervtötenden Schnöseln, die sich selbst Akademiker der Geisteswissenschaften schimpften, nicht viel anfangen, und sah nicht ein, warum dieser Verein des Antiintellektualismus überhaupt einen Anspruch auf meine wertvolle Zeit haben sollte. Viel lieber liess ich den Nachmittag am Stammtisch vom Gasthaus «Zum Lindwurm», in Thurikon in unmittelbarer Nähe der dortigen Universität gelegen, bei einigen Flaschen Bier und der Gesellschaft des einfachen Dorfvolkes, fern von prätentiösen und selbstdarstellenden Wichtigmachern ausklingen, bevor ich mich schliesslich nach Hause chauffieren liess.

Ich hatte meinen Chauffeur angewiesen, dass er, nachdem er den schwarzen 1961er Lincoln Continental in der Garage abgestellt habe, den Rest des Abends frei nehme, da ich nunmehr endlich in meiner Bibliothek etwas Ruhe finden wollte. Ich hatte es mir nicht ausgesucht, dass gefühlt die halbe Welt auf der Suche nach Rat und Weisheit zu mir schauen würde, doch es war das los, welches mir als weltberühmter Autor zustand, und ich konnte letztlich auch nicht gänzlich dieser Aufgabe entfliehen, da es wohl oder übel meine Pflicht war, in solch wirren Zeiten als zivilisatorischer Leuchtturm der Menschheit, soweit es mir möglich wäre, einen Weg zu weisen.

Und so war ich in den Schriften des obskuren mexikanischen Schriftstellers Abelardo Crisóstomo de Mazariegos versunken, als ich plötzlich das Gefühl empfand, beobachtet zu werden. Blitzschnell drehte ich mich nach links und meinte, während des Bruchteils einer Sekunde eine spektrale Erscheinung zu sehen, eine Figur in einer schwarzen Robe mit einem ausdruckslosen, weissen Gesicht. Ich rieb mir die Augen und sah mich in den Hallen meiner Bibliothek um, das Feuer hinter mir knisterte weiter. Niemand war hier, und doch wurde ich dieses Gefühl nicht los, dass sich eine weitere Präsenz in diesem Raum befand.

Das Öffnen einer Tür brach mit der Stille, als mein Diener, der Japaner Hiroshi Fujimoto hereintrat, in den Händen ein silbernes Tablett mit einem Zettel darauf. Fujimoto war ein Mann von unvergleichlicher Raffinesse, von einer Formalität, die in der voranschreitenden Entartung unserer abendländischen Zivilisationen inzwischen fast unmöglich zu finden war, und so schätzte ich seine häuslichen Dienste, die mit geradezu unsichtbarer Diskretion von ihm durchgeführt wurden.

«Ich bitte demütigst um Verzeihung, Sensei», sagte er (das Wort «Sensei» bedeutet hierbei so viel wie Lehrer oder Meister, eine übliche Anrede für einen angesehenen Autor wie meine Wenigkeit), «aber sie haben noch eine Nachricht vom Präsidenten der Vereinigten Staaten.»

Ich nahm den Zettel auf dem Tablett an mich, darauf stand, dass der US-Präsident einmal mehr meinen Rat ersuchte, angesichts der zahlreichen Verantwortungen, die sein Amt mit sich führte. Der liebe Don, dachte ich, er ist ein guter Mann, aber ich musste das Telefonat mit ihm vorerst auf den nächsten Tag verschieben, da ich selbst kaum noch klar denken konnte.

Ich legte das Buch beiseite und liess mir von Fujimoto ein Bad einlaufen, bevor ich mich zu Bett begebe. Das heisste Wasser war heilsam für meinen erschöpften Körper und Geist, und ich begann gleich dort in der Wanne vor mich hinzudösen. Ich schloss die Augen, unmöglich zu sagen wie lange, doch als ich sie wieder öffnete, war alles um mich herum plötzlich dunkel. Erst dachte ich an einen Stromausfall, keine Unmöglichkeit in einem so abseits der vom Pöbel verseuchten Städte gelegenen Landhaus, doch dann, als gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit, erkannte ich das Licht einiger Kerzen, die um mich herum aufgestellt waren. Doch der Raum, den sie erleuchteten, war nicht mein Badezimmer, es war ein völlig fremder Ort, die Wände aus groben, jahrhundertealten Quadern mit ausgewaschenen Fugen; vor allem aber die Fenster fielen mir sofort ins Auge, es waren bunte Bleifenster mit hohen Spitzbögen. Die Muster auf diesen Fenstern zeigten nichts anderes als das Bild von einem Lokus.

Als ich das sah, deuchte mir plötzlich, was vor sich ging, doch es schien mir völlig unmöglich – ich war immer der vollkommenen Überzeugung gewesen, dass es nur eine Legende sei, ein Ammenmärchen, um Kinder zu erschrecken. Doch nun fand ich mich plötzlich an genau jenem Ort wieder: Die Unterwelt des Jean Scheisshaus.

Zu Kapitel 2

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Herr Berger

A. M. Berger, der bescheidene Hausierer von Geschichten und Traktaten, ist in der Schweiz ansässiger Philosoph und Autor von Romanen und Kurzgeschichten.
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