A. M. Berger

Bescheidener Hausierer von Geschichten und Traktaten.

Das „Fähnchen im Winde“ als Prototyp der Überwindung der Wertvorstellung

Würde man einen Linken jener Sorte, welcher sich bis vor ein Paar Tagen noch Pazifist meinte und heute nach Aufrüstung und Krieg grölt, fragen, warum er denn dazumal gegen Krieg und Aufrüstung war und heute das Gegenteil fordert, wäre die Antwort wahrscheinlich in der Art, dass es doch jetzt etwas anderes sei. Dass es jetzt gerade darum ginge, den Frieden zu erhalten. Aber halt irgendwie mit Krieg und Aufrüstung.

Das Problem daran, sich nach klaren, ausdrücklichen Werten auszurichten ist es, dass es nicht immer einfach wird, wenn sich der Wind dreht und man vor der Entscheidung steht, wider dem Zeitgeist an jenen einstigen Werten festzuhalten, oder sich wie das sprichwörtliche Fähnchen im Wind zu drehen, und nunmehr genau das Gegenteil von dem zu vertreten, was man vor nicht allzu langer Zeit als grosses Ideal hervorgehoben hatte, und damit letztlich als Heuchler dazustehen.

Es gibt natürlich die Möglichkeit, anstatt solch einseitiger Bekenntnisse stattdessen eine ausgewogenere Position zu vertreten, zum Beispiel dass man nicht generell für Krieg und Aufrüstung ist, aber auch einsieht, dass dies in manchen fällen notwendig sein kann. Solche differenzierten Standpunkte sind halt gerade im politischen und medialen Diskurs oftmals schwer zu tragen. Sie machen sich angreifbar, dass man sich ja bloss nicht festlegen wolle, dass man nur ein Fähnchen im Wind sei, welches nur mit der Mode mitgeht. (Was nicht ganz befreit von der Ironie ist, dass gerade die, die ihre absolutistischen Standpunkte lautstark proklamieren dies ja hauptsächlich dann tun, wenn dies gerade angebrachte Standpunkte sind, und sie dann auch am ehesten an den Zeitgeist anpassen werden.)

Es ist eine Art von meta-Wertvorstellung, d.h. die Vorstellung darüber, wie eine Wertvorstellung zu sein hat, welche besagt, dass klare Standpunkte an die man sich kohärent auch wider dem Winde des Zeitgeistes hält, einen höheren Stellenwert haben, als wenn man einfach mit der Mode mitgeht. Aus diesem Grund sind eben jene Ausdrücke wie der Mitläufer oder das Fähnchen im Wind stets abwertend gemeint. Diese meta-Wertvorstellung erhält noch heute starkes Lippenbekenntnis, die Meisten wollen sich gerne als Konsequent mit ihren Werten darstellen, zugleich ist es aber offensichtlich, dass nur wenigen wirklich diese Standhaftigkeit inne wohnt. Eher ist es so, dass man es geniesst, seine klaren Werte vor sich her zu tragen, so lange wie diese dem Zeitgeist gefällig sind. Die europäischen Kulturen, v.a. die mitteleuropäischen, haben sich über die letzten Jahre oder fast schon Jahrzehnte immer mehr einem aggressiven Konformismus hingegeben, welcher mit Abweichlern keine Gnade kennt. Mit einer Effizienz die man sonstwo vergebens sucht erdenkt man sich verächtliche Beleidigungen für all jene, die nicht im Takt laufen.

Es ist kein Zufall, dass gerade die mitteleuropäischen Kulturen zugleich auch den Nukleus der praktischen Umsetzung der kritischen Theorie und damit verbundenen Dekonstruktion darstellt. Der Prozess der Dekonstruktion begann als philosophische Reaktion auf die faschistischen Regime und den 2. Weltkrieg, indem man in Hierarchie- und Machtstrukturen die Ursache für jene totalitaristische Bewegungen und ihre letztlichen Auswirkungen erkannt zu haben meinte. Folglich machte man sich daran, all jene Strukturen, wie z.B. Nation, Religion, Tradition, usw. bishin gar zur Familie zu dekonstruieren indem man sie immerzu in Frage stellte, als sog. „Konstrukt“ erkannte und dieses anschliessend aufgrund seiner Subjektivität und mutmasslichen Willkürlichkeit delegitimierte.

Zu dieser recht abstrakten Definition findet sich in Deutschland recht einfach ein praktisches Beispiel im neurotischen Umgang mit dem Konzept „Volk“. Der wissenschaftliche Dienst des Bundestages schrieb dazu:

Was als Volk gilt, darüber existieren seit der Aufklärung und der Zeit der Französischen Revolution so unterschiedliche Vorstellungen, „dass es keine verbindliche Definition geben kann.[“] […] [D]er ethnisch-kulturelle Volksbegriff [beruht] auf der Vorstellung gemeinsamer Herkunft, Geschichte oder Sprache. Aus historischer, soziologischer und ethnologischer Perspektive handelt es sich dabei um kein objektives, vorgegebenes Phänomen, sondern um eine „vorgestellte Gemeinschaft“ (Benedict Anderson), die auf unterschiedlichen Wegen konstruiert wird.

Da es also keine abschliessende Definition dieses Konstruktes gibt, ist die Anwendung, jenseits des Staatsvolkes im Sinne der Summe der Staatsangehörigen, verpönt oder gar unzulässig und gilt, wie im Falle der AfD, bei Anwendung eines „ethnischen Volksbegriffes“ als Nachweis rechtsextremer und verfassungsfeindlicher Tendenz. Hiermit ist das Konzept „Volk“ endgültig dekonstruiert, es hat keine Bedeutung mehr ausserhalb der juristisch-administrativen Definition der Staatsbürger.

Wie widersinnig diese Dekonstruktion ist, sieht man zum Beispiel dann, wenn über ein fremdes Volk gesprochen wird, z.B. das Volk der Herero oder das kurdische Volk. Sobald es sich um benachteiligte Minderheiten handelt, ist der Volksbegriff, gar der ethnische Volksbegriff absolut gang und gebe, was letztlich der Nachweis dafür ist, dass das Konzept eines „Volkes“ eigentlich sehr wohl eine weitgehend akzeptierte Definition hat, man diese jedoch mit künstlichen Mitteln abwürgt, wenn es darum geht, die eigenen Strukturen zu dekonstruieren.

So wird die praktische Umsetzung der Dekonstruktion veranschaulicht, und ihre allgegenwärtigen Auswirkungen zu erkennen: Was ist schon eine Familie? Eine Familie ist nur ein Konstrukt. Warum muss eine Familie aus Mutter, Vater und Kind bestehen? Was ist eine Nation? Eine Nation ist nur ein Konstrukt. Warum sollen „deutsche“ eine Nation sein und nicht Bayern, Schwaben, Preussen? Was ist das Geschlecht? Geschlecht ist nur ein Konstrukt. Warum sollte eine Person, die sich als Frau identifiziert, obgleich ihrer Geschlechtsmerkmale nicht als solche gelten? Usw., usf.. Das Stichwort heisst: Konstrukt. Das Konstrukt ist eine erfundene (konstruierte) Struktur, welche einen letztlich unterdrückt, von welcher man sich folglich befreien muss.

Was nunmehr in Betrachtung der ursprünglichen Fragestellung aber interessant ist, ist dass diese Dekonstruktion inzwischen auch auf die Wertvorstellung selber überschwappt. Denn letztlich ist eine eindeutige, kohärente Wertvorstellung ja auch nichts anderes als eine hierarchische Machtstruktur. Was ist eine Wertvorstellung? Eine Wertvorstellung ist nur ein Konstrukt. Warum sollte man konsistente Werte vertreten und sich nicht immerzu an die sich wandelnden Umstände anpassen?

Dies Wird zwar bis anhin noch nicht explizit so geäussert, denn zu sehr gilt nach aussen hin noch jene meta-Wertvorstellung, dass es eben respektabler ist, klaren und kohärenten Werten nachzugehen, wohl aber ist der implizite Umgang der, dass es keinen Grund gibt, sich von irgendwelchen Werten unterdrücken zu lassen. Es gehört inzwischen schon(wieder?) zum guten Ton, dass man immerzu mit dem Zeitgeist mitgeht.

Das Problem der Dekonstruktion ist zwiefältig: Einerseits ist eine Zivilisation oder Kultur nicht ohne Konstrukte möglich, denn Konstrukte sind nichts anderes als die ungeschriebenen Regeln welche eine komplexe Gesellschaft ordnen und sie letztlich auch aus der Barbarei erheben. Andererseits ergibt sich das Paradox, dass die Dekonstruktion zumeist lediglich ein Konstrukt durch ein anderes ersetzt. Im vorangehenden Beispiel des Volkes eben die umgangssprachliche Bedeutung des Volkes mit einer juristisch-administrativen Bedeutung, welche zwar eindeutiger aber auch weniger organisch ist, und sich der Entwicklung des Sprachgebrauchs und der Kultur nicht mehr hingeben wird.

Ein gewisser Grad der Dekonstruktion, zusammen mit einem entsprechenden Grad an Konstruktion sowie Erhalt, gehört zu jeder lebendigen Kultur dazu, ebenso wie in einer Stadt zumal alte Gebäude abgerissen, neue Gebäude erbaut und wieder andere erhalten werden. So wie Lebensart und Tradition ge- und erhalten werden müssen, muss man auch überflüssig gewordene Unarten abwerfen können, wie auch neuen Umgang und neues Alltagsverhalten zu festigen wissen.

Ein Drang nach Dekonstruktion, weil man fürchtet, hinter jeder solchen Struktur und Hierarchie würde der nächste Völkermord lauern, ist nicht nur töricht, sondern führt letzten Endes, wie eben in der Dekonstruktion von Wertvorstellungen, zu einer konformistischen, unfreien und denkfeigen Kultur führen wird, welche sich am ehesten in den zivilisatorischen Abgrund begeben wird.

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Herr Berger

A. M. Berger, der bescheidene Hausierer von Geschichten und Traktaten, ist in der Schweiz ansässiger Philosoph und Autor von Romanen und Kurzgeschichten.
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