Wenn Fortschritt aufgezwungen werden muss, liegt es meistens daran, dass er in der Abwägung der Vor- und Nachteile nicht wirklich überzeugen kann.
Immer wieder verbreiten sich Beiträge, worin ein heller Geist sich darüber echauffiert, dass ein Weihnachtsmarktstand, eine Pommesbude oder sonstiges kleines Geschäft nur Bargeld akzeptiere. Ein grosser Aufschrei folgt, wie rückständig so etwas doch für die grösste Wirtschaftsmacht Europas ist, und die Unterstellungen, die jeweiligen Betreiber würden nur Steuern hinterziehen, dürfen natürlich auch nicht fehlen.
Interessant ist, dass, wenn man einen Reiseführer über Japan liest, jenes hypermoderne Land, welches den Hochgeschwindigkeitszug erfand; welches mit seinen Fortschritten in Elektronik das digitale Zeitalter prägte; und welches oftmals als Cyberpunk-Parallelwelt dargestellt wird, man dort drin den Hinweis findet, man solle immer viel Bargeld mit sich führen, denn nur die wenigsten Geschäfte und Wirtschaften akzeptieren Kreditkarten. Ob diese hellen Geister, die am Bargeld ihr Steckenpferd einer rückständigen Gesellschaft sehen, ihre Behauptungen auch auf Japan ausweiten würden?
Die Kritik an Geschäften, welche keine Kreditkarten akzeptieren wollen, oder gar an der Beibehaltung des Bargeldes selbst, als handle es sich um einen völlig überholten Archaismus, ähnlich dem Pferdefuhrwerk und der Dampflokomotive, ist das Paradebeispiel für eine Vorstellung über Fortschritt, welche selbst völlig archaisch ist. Welche Ironie.
Es ist eine Vorstellung über Fortschritt, welche in diesem nicht ein Mittel zum Zweck sieht, sondern einen Zweck in sich selber. Fortschritt um des Fortschrittes Willen. Ein Fortschritt, welcher in der Summe keine wirklichen Vorteile bringt, sondern mindestens genauso viel neue Komplikation und Komplexität schafft, als dass er verhindert.
Bargeld ist eine praktische Sache: Man braucht keine Elektronik und somit auch keinen Strom dafür, ein Kässchen reicht. Man benötigt keine Karte, die an ein Bankkonto gebunden wäre, sondern man kann es einfach mit sich rumtragen und vielleicht an jemanden weitergeben, zum Beispiel ein Kind, welches noch kein Bankkonto und keine Karte hat. Und es kann auch keinen Systemabsturz geben, welcher Zahlungen verunmöglichen könnte.
Dies soll nicht heissen, dass etwas falsch daran sei, dass man Kartenzahlungen verwende. Die Vorteile hiervon braucht man gar nicht erst erwähnen. Aber für kleinere Geschäfte ist es oftmals umständlich, ein solches System für relativ kleine Mengen einzurichten, zumal auch zusätzliche Kosten anfallen.
Es gibt hier womöglich keine perfekte Lösung, da jede Option, sei dies nun die Prävalenz oder gar Exklusivität von einem System, oder die Gleichzeitigkeit beider, immer seine Vor- und Nachteile birgt. Doch gerade das ist es, was die Einseitigkeit eines Fortschrittes bloss um des Fortschrittes Willen so sektiererisch und unsinnig macht. Wenn die «fortschrittliche» Option wirklich so unendlich besser wäre, müsste man sie nicht aufzwingen. So wie niemand ein Gesetz erlassen musste, dass Dampflokomotiven nicht mehr verwendet würden, sondern Eisenbahngesellschaften der ganzen Welt, staatlich oder privat, sich aufgrund der erheblichen Nachteile und der besseren Alternativen davon abkehrten.
Wenn Fortschritt aufgezwungen werden muss, liegt es meistens daran, dass er in der Abwägung der Vor- und Nachteile nicht wirklich überzeugen kann.
Nach dem Zeitalter der Erfindungen
Die abendländische Kultur erlebte anschliessend der Aufklärung und der Konzeption der wissenschaftlichen Methode eine exponentiell wachsende technische Entwicklung, welche im sog. Zeitalter der Erfindungen mündete, verbunden auch mit der Industrialisierung. All das veränderte die Welt grundlegend auf eine Art und Weise, die es wohl nie zuvor gegeben hatte. In den letzten 200 Jahren veränderte sich die Gesellschaft in dieser Hinsicht mehr als in den vorangehenden 2000.
Irgendwann jedoch musste sich diese Entwicklung aufgrund des Gesetzes des abnehmenden Ertrages unweigerlich verlangsamen. Heutige technische Entwicklungen sind hochkomplex und aufwendig, undenkbar dass, wie im 19. Jahrhundert, ein einzelner Erfinder oder vielleicht ein kleines Team in einer Werkstatt Gerätschaften erfände, welche die Welt revolutionieren könnten.
Es scheint, manch einer hat Mühe, diese Erschöpfung des Potenzials für weltverändernde Neuerungen zu verkraften. Folglich sucht man wie besessen nach irgendetwas, was den Anschein macht, dass es der nächste grosse Fortschritt sei, und sobald jemand dagegenhält, weil er nicht sieht, wie die Vorteile dieses Fortschrittes den Nachteilen überwiegen könnten, so gilt er als fortschrittsfeindlicher Philister, als Dorftrottel, der sich vor der Moderne fürchtet, so wie einst die Menschen vor dem Dampfross erschraken.
Doch es ist eben nur ein Selbstbetrug, eine Fiktion von Modernität durch einen Fortschritt, der zwar Neuerung aber keine Besserung bringt. Es ist der Wunsch, Altes und Bewährtes abzuschaffen, um sich weiter einzureden, dass unsere Welt sich noch immer in jenem Umbruch befindet, welcher, wie in der Geschichte vom «Eisernen Gustav», innert weniger Jahre die Pferdedroschke durch das Automobil verdrängte.
Es ist allerdings auch eine Verweigerung des Diskurses über die Abwägung der Vor- und Nachteile eines jeweiligen Fortschrittes. Die Art von Diskurs, welcher einstmals das Fortschrittsideal der «autogerechten Stadt» vielerorts beerdigte, weil Autos zwar zweifelsohne eine grossartige Erfindung sind, sich jedoch, wie vieles sonst, im Überfluss letztlich schädlich auswirken.
Und hier zeigt sich auch mal wieder, wie das progressivistische Denken, in seinem Fehlen von Pragmatismus und Vernunft, zum Spiessertum verkommt von Leuten, die auf ihren völlig einseitigen Vorstellungen verharren, ohne zu überlegen, dass diese, obwohl fortschrittlich, vielleicht trotzdem nicht die beste Lösung sind.





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