Wie der Nationalstaat stillschweigend dekonstruiert und von einem neuen Staatskonstrukt ersetzt wird
Gemäss dem Duden ist eine Nation eine „grosse, meist geschlossen siedelnde Gemeinschaft von Menschen mit gleicher Abstammung, Geschichte, Sprache, Kultur, die ein politisches Staatswesen bilden“. Das Konzept der Nation bloss zu definieren bricht eigentlich schon zahlreiche Tabus der immerzu fortschreitenden politischen Korrektheit.
Gewisse Konzepte kann man manchmal nur dadurch definieren, dass sie etwas nicht sind: Ab wann ist ein Tisch ein Esstisch und ab wann ein Stubentisch? Ist er mit 60 cm Höhe noch ein Stubentisch? Oder mit 70 oder 80? Ab wie viel Zentimeter Höhe hört er auf, ein Stubentisch zu sein? Törichte fragen, denn es gibt keine exakte Abgrenzung. Aber dass es keine exakte Abgrenzung gibt, bedeutet nicht, dass es keine klare Unterscheidung gibt. Ebenso kann es bei der Zugehörigkeit zu einer Nation eine Grauzone geben, was aber das Konzept der Nation nicht weniger differenzierbar macht.
Es sind solche Konzepte, welche nicht wirklich quantifizierbar und nicht binär sind, welche sich für die Dekonstruktion hergeben: Ab wann gehört jemand zu dieser Nation? Wenn jemand einen ausländischen Elternteil hat, ist er dann noch Deutscher? Wenn jemand im Ausland aufwuchs, ist er wirklich Schweizer? Kann jemand mit schwarzer Hautfarbe tatsächlich Österreicher sein?
Der Nationalstaat ist ein Affront gegen die politische Korrektheit: Ein Staat, welcher nur dieser Nation dient und ihr Heimat ist. Das Thema von Nation, Staat und Nationalstaat ist so eines, wo der Zeitgeist uns vollendete Tatsachen zu philosophischen Fragen vorlegt, ohne dass tatsächlich ein Diskurs darüber stattgefunden habe. So ist die Idee vom Nationalstaat, einem Staat der einer spezifischen Nation entspricht, im Mainstream inzwischen völlig verpönt. Es gilt, Deutscher/Schweizer/Österreicher/usw. ist, wer den jeweiligen Pass dazu hat. Nichts weiter.
Jeden, der Bürger eines Staates ist, auch als Teil der Nation zu zählen, ist ein Zirkelschluss, welcher beide Begriffe völlig gleichstellt. Das würde auch den Begriff des „Nationalstaates“ zur Tautologie machen.
Es gibt kein göttliches Machtwort darüber, auf welcher Grundlage ein Staat konstituiert werden sollte, und entsprechend ist es legitim zu fordern, dass ein Staat lediglich durch seine Staatsbürger definiert werden sollte. Dies wäre dann nicht mehr ein Nationalstaat, man könnte es stattdessen einen Administrativstaat nennen: Ein Staat, der lediglich eine verwaltungstechnische territoriale, politische und wirtschaftliche Abgrenzung darstellt; ein Staat, welcher durch kein spezifisches Volk oder Kultur geprägt ist und keine inhärenten Werte jenseits jenes bürokratischen Rahmens mitsich führt, sondern wo Sprache, Kultur, Traditionen, Religion, Ethnie, usw. beliebig wandelbar sind.
Der Diskurs darüber, was die wesentliche „raison d’être“ des Staates tatsächlich ist, wird in dem Sinne nicht offen geführt, denn er würde wider das zeitgeistliche Narrativ die Logik des Nationalstaates hervorheben. Ein Staat, wie jede andere Bevölkerungsgemeinschaft, erfordert die Kapazität, sich gegenseitig zu verstehen, ebenso wie es mit einer Sprache geschieht. Geteilte Kultur, Tradition, Moralvorstellung, usw. bieten uns eine Grundlage, um das Handeln unserer Mitmenschen besser nachvollziehen zu können. Es ist wahrscheinlicher, dass Menschen in ihrem Wunsch für eine gesellschaftliche Ordnung eher auf ihre Mitmenschen eingehen, wenn die Erwartungen dieser ähnlich und nachvollziehbar sind, als wenn es schwer begreifliche diametrale Gegensätze sind.
Existiert diese Grundlage hingegen nicht, so wird die gesellschaftliche Ordnung letzten Endes immer häufiger durch aufgezwungene Machtworte herbeigeführt werden, endlose Regelungen und Gesetze an welche sich die Bevölkerung nur noch aufgrund der Androhung von Strafe hält (wenn überhaupt) und nicht, weil sie die Vorgaben der gesellschaftlichen Ordnung nachvollziehbar und vernünftig findet. Eigentlich logisch: Wenn das konstituierende Wesen des Staates bürokratisch ist, so werden unweigerlich auch alle gesellschaftlichen Werte bürokratisch entstehen müssen.
Der post-nationale multikulturelle Administrativstaat ist also nicht wirklich multikulturell, er ist unikulturell, nur dass diese Kultur ein monolithisches, durch die Verwaltung erzeugtes Amalgam aller einstig beheimateten Kulturen ist. Ein solcher Staat kann ja gar nicht multikulturell sein, insofern dass sich die Kultur auch dadurch definiert, was sie eben nicht ist: Alles Kulturelle was dazugehört ist die Kultur, alles andere nicht.
Die Prävalenz des Nationalstaates war bis zum 2. Weltkrieg eine Gegebenheit, und wurde im Anschluss an diesen im Zuge der sog. Kritischen Theorie zusammen mit allen anderen Konzepten welchen Hierarchie, Machtverhältnisse und Zugehörigkeit zugrunde liegen (bis hin zur traditionellen Familie) aggressiv dekonstruiert, da diese Theorie dem Gedanken folgt, dass all diese Konstrukte der Nährboden für Faschismus, Unterdrückung und letztlich Völkermord seien.
Der wesentliche Fehler der kritischen Theorie ist es aber, anzunehmen, dass diese Art der Dekonstruktion überhaupt möglich sei, ohne dass sofort ein Ersatz auftreten würde, welcher womöglich noch viel schlimmer sein könnte, als das ursprüngliche Problembild. In diesem Fall der Administrativstaat, welcher nicht mehr eine Nation als Zweck hat, sondern sich selber: Politik, Verwaltung und Bürokratie als oberste zu erhaltende Güter, anstatt der Nation und der Menschen, welche sie bilden.
Es ist eine Staatsform, welche noch hierarchischer und despotischer in seinem Wesen sein wird, als es der Nationalstaat jemals war, denn wo der Nationalstaat von unten nach oben begründet war, indem er von der Nation ausgeht, welche den Staat folglich legitimiert, so wird der Administrativstaat von oben nach unten etabliert, von einer allmächtigen Bürokratie aus, welche zugleich die faktische Macht wie auch das legitimierende Element des Staates darstellt.
Wo Könige und Kaiser sich noch auf die Nation beriefen, über welche sie herrschten, so braucht sich der Administrativstaat bloss noch auf sich selber zu berufen. Wo der Nationalstaat als Zweck den Erhalt und das Wohlbefinden der Nation zu sichern, so hat der Administrativstaat bloss den Zweck, seine eigenen bürokratischen Strukturen zu erhalten und zu erweitern. Was letztlich auch erklärt, warum diese bürokratischen Strukturen in den westlichen post-nationalen Administrativstaaten nunmehr ins Unermessliche wachsen.





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