A. M. Berger

Bescheidener Hausierer von Geschichten und Traktaten.

Oft wird heute die Aufklärung heraufbeschworen, um in ihrem Namen Gegenaufkläung zu betreiben

Wie oft man heute doch lesen kann, dass die Errungenschaften der Aufklärung ignorant verworfen werden, eigentlich aber darauf bezogen, dass sich Weltanschauungen ausbreiten, welche nicht progressivistisch ausgerichtet sind. Denn Publizisten, Autoren, Philosophen und sonstige Angehörige einer diskursiven Elite, welcher das Privileg zusteht, an den Pöbel zu verkünden, ohne dass dieser widersprechen dürfe – das wären dann nämlich «Fakenews» und «Hassnachrichten», haben entschieden, dass die sog. «Werte der Aufklärung» sich voll und ganz mit der progressivistischen Ideologie überschneiden, zufällig die, welcher sie selbst auch gesinnt sind.

Dies ist ein eindrucksvoller Akt von Gegenaufklärung auf gleich drei Ebenen: Die Dogmatisierung von Werten und Moralvorstellung, die Verachtung des Rationalismus, und die Abgrenzung des Anrechts auf Diskurs auf eine Adelsschicht. Um die Perversion zu vollenden, geschieht all dies immerzu im Namen des Gegenteils dieses Handelns: Im Namen von Toleranz, Rationalismus und offenem Diskurs. Diejenigen, welche den Untergang der Aufklärung verkünden, sind selber die Gegenaufklärer.

In der Praxis rufen die Ideale der Aufklärung in den meisten Individuen heutzutage eine grauenvolle, unerträgliche Angst hervor, die Angst, dass das, was sie als gefestigte Tatsache sahen, alsbald in Frage gestellt werde; die Angst also, vor dem Unbekannten. Was die Gegenaufklärung treibt, sind nicht die anti-progressivistische Ideen sondern die Angst, dass diese progressivistischen Dogmen vielleicht mit Recht in Frage gestellt würden und sich womöglich herausstelle, dass diese gar nicht die Krönung des menschlichen Denkens sind, dass es entgegengesetzte Ideen gibt, welche mindestens genauso legitim sind, oder, die schlimmste aller Vorstellungen, dass es vielleicht keine Antwort darauf gibt bzw. geben kann, welche Wertvorstellung nun die richtige ist. Der Intellekt ist zweitrangig gegenüber dem Mut, den es erfordert, dieser Ungewissheit ins Auge zu sehen.

Zugleich man sich also gedrängt fühlt, die Aufklärung, welche jene progressivistischen Ideale überhaupt erst ermöglichte, hervorzuheben, agiert man gegen die Methoden und Grundsätze, welche die Aufklärung definierten. Ein angespannter Zustand, welcher die immer extremere Hysterie des Rufes nach Unterbindung der Redefreiheit erklärt. Man setzt sich für die einstigen Resultate aufgeklärter Methoden ein, doch ohne sich für jene Methoden einzusetzen, da man fürchtet, dass diese einstigen Resultate nun doch verworfen würden. Es ist, als wollte man in einer Rechnung eine Zwischensumme festhalten, einfrieren, sich selber einreden sie sei das Endresultat, weil sie so gefällig ist; und nun lobt man die Mathematik, weil sie diese Zwischensumme ergab, während man das Weiterrechnen verbietet, als dass die Zwischensumme sich nicht verändere.

Für die Ausübung eines dialektischen Diskurses braucht es zwar auch den Intellekt, zudem aber noch den Mut sich neuen, befremdlichen, Anregungen zu stellen, ohne diese reflexartig zu verwerfen, weil man sie für anstössig befindet. Dies ist ein Verhalten, welches dem Menschen innewohnend ist, entstanden durch die Evolution unseres Intellektes, und der Mensch tendiert immer wieder zu dieser Unart hin. So entstehen Selbsttäuschungen, sog. «mentale Gymnastik», welche es erlauben, in die gleiche Unart zu verfallen, obgleich diese bereits erkannt wurde. Die Vorstellung, dass es die eigenen Ideen sind, welche die Essenz der Aufklärung weitertragen, während alle Andersdenkende der Aufklärung entsagt haben, ist eine solche Selbsttäuschung. Sie ist daran zu erkennen, dass die aufgeklärte Methode keine Ansicht im Vornherein verwerfen würde, nicht einmal jene, welche die Aufklärung selbst verwerfen will. Denn es ist die Stärke dieser Methode, dass sie ihren eigenen Massstäben gegenüber standhält. Niemals wird Aufklärung durch Dogmatismus erhalten werden müssen.

Der Mut, sich befremdlichen Ideen in offenem Diskurs zu stellen, ist allerdings nur in einer Minderheit der Bevölkerung zu finden. Der Dogmatismus hat seit je her die menschliche Zivilisation begleitet, weil er mit seiner abschliessenden, unanfechtbaren Antwort die Gewissheit darstellte, nach welcher die meisten Menschen sich sehnten. Die Aufklärung, welche uns in die Moderne führte, und welche von der Gleichwertigkeit jedes Menschen ausging, entstand ironischerweise in einem durchaus elitären Umfeld von hochgebildeten Menschen einer sehr abgegrenzten Oberschicht, in einer Zeit, in welcher die breite Masse kaum einmal lesen und schreiben konnte, geschweige denn die Zeit, Energie und Bildung hatte, sich mit komplexen philosophischen Ideen auseinanderzusetzen. Doch genau auf diese breite Masse sollten jene Ideen ausgeweitet werden, was schliesslich zur Abschaffung der Stände und schliesslich zur Demokratie führte, worin jedem Bürger ungeachtet seiner Herkunft, Gesellschaftsschicht oder Bildungsgrad, theoretisch das gleiche Mitspracherecht zustand.

Bis heute wissen die meisten Menschen wohl nicht, was die Aufklärung mit ihren rationalen und dialektischen Methoden zur Erkenntnisgewinnung tatsächlich bedeutet. Es ist wenig mehr als ein sinnentleertes Modewort, welches jeweils mit welcher Ideologie auch immer befüllt werden soll, wie es derzeit mit dem Progressivismus geschieht. Die Unart des diskursiven Dogmatismus kann sich erneut durchsetzen, da es im Namen der Aufklärung geschieht, und somit diese «Sicherung», worin die Erkenntnis über jene Unart diese auch verhindern sollte, überbrückt wird. Es ist schwierig anzuprangern, dass andere leichtfertig die Verachtung der Aufklärung beklagen, während man selbst die Verachtung der Aufklärung (im Namen von Aufklärung) beklagt.

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Herr Berger

A. M. Berger, der bescheidene Hausierer von Geschichten und Traktaten, ist in der Schweiz ansässiger Philosoph und Autor von Romanen und Kurzgeschichten.
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