A. M. Berger

Bescheidener Hausierer von Geschichten und Traktaten.

Theoretische Utopien werden oftmals zu grauenvollen Dystopien, sobald sie in die Praxis umgesetzt werden

Vorstellungen einer Utopie, einer idealen Welt sozusagen, begleiten den Menschen mindestens seit der Antike; auch viele Weltreligionen gehen im Grunde von einer expliziten oder impliziten Utopie aus, einem hypothetischen Idealzustand des Menschen. Mit dem Zerfall der Antike verliert diese Überlegung zeitweise an Relevanz, bis es durch Thomas Morus’ „Utopia“, welches auch erstmals diesen Begriff prägt, wieder in Erscheinung tritt.

Mit der Industriellen Revolution kommt eine Denkensrichtung auf, welche man „Utopismus“ nennen könnte, welche in den rasant entstehenden technischen und wissenschaftlichen Entwicklungen der Industrialisierung schliesslich eine wahrhaftige Möglichkeit zu sehen meinen, eine Utopie praktisch umzusetzen. Viele der dazugehörenden Vorstellungen gehören nicht gerade zu den Ideen, welche heute als Sternstunde des Fortschrittes gesehen werden: Ideen wie Eugenik, Bevölkerungsbegrenzung, Massenüberwachung, Planwirtschaft entstehen durch oder werden von diesem „utopianistischen“ Denken aufgegriffen.

Einer der notorischsten Verfechter dieser Ideen war der Autor H. G. Wells, welcher nebst „A Modern Utopia“ noch weitere Bücher, Fiktion wie auch Sachbuch, über seine utopischen Ideen verfasste. Unter anderen suggerierte er eine vereinigte Weltregierung und war ein Bewunderer von Josef Stalin und dessen technokratischer Politik in der frühen Sowjetunion.

Es waren ironischerweise diese Ideen einer Utopie welche zu intellektuellen Treibern der totalitären Regime des frühen 20. Jahrhunderts wurden; Kommunismus, Sozialismus und dergleichen sind Ideologien die (zumindest in der damaligen Verkörperung) kollektivistisch und technokratisch ausgelegt waren, und welche die vermeintlichen Irrtümer einer vererbten, primitiven und irrationalen Ordnung stattdessen mit den neu erlangten Erkenntnissen zu Wissenschaft und Technik wettmachen wollten, aber sich schlussendlich als katastrophal unpraktikabel herausstellten. Doch obgleich diese Fehlschläge das daraus entstandene Trauma verursachten, sollte zugleich auch nicht übersehen werden, dass solche Ideen auch in den nicht-totalitären Gesellschaften gang und gebe waren, so war z.B. Churchill, zeitweise gar Bewunderer von Hitler, ein klarer Befürworter der britischen Suprematie und des daraus folgenden Auftrages, diese Ordnung in die Welt hinauszutragen.

Es ist aus heutiger Sicht durchaus bequem, diese „utopianistischen“ Ideen als überhebliche Hirngespinste abzutun, zumal diese Ansicht auch der Verbindung zu den Traumata des frühen 20. Jahrhunderts entspringt, jedoch ist es, im Kontext gesehen, vollkommen nachvollziehbar, dass sich dieses Denken entwickelte: Das Aufkommen eines rasanten Fortschrittes, in einer Zeit, in welcher viele Länder in Europa noch absolute Monarchien waren, wo Konflikte wie der deutsch-französische Krieg oder der Balkankrieg an der Tagesordnung waren; also das Betrachten einer gesellschaftlichen Ordnung, welche kaum mit diesem wissenschaftlichen Fortschritt mitgehalten hatte. Die Vorstellung, dass eine neue, utopische Gesellschaftsordnung all das beheben könnte, war da logischerweise naheliegend. Der erste Weltkrieg verstärkte diese Idee enorm, als Symbol der enormen Zerstörung, die aus der Kombination von moderner Technik und archaischer Ordnung hervorgehen könnte, und so konnten die neuen Ideologien von Faschismus, Kommunismus und Sozialismus in der Zwischenkriegsära als technokratische Antwort darauf gesehen werden.

Anschliessend des zweiten Weltkrieges allerdings änderte sich diese Auffassung: jede Idee einer technokratischen Utopie wurde nun unweigerlich als „faschistische“ Tendenz, welche Treiber von Krieg und Völkermord sein würde, gesehen und folglich abgetan. Zusammen mit dem Ende des Kalten Krieges und damit dem „Ende der Geschichte“ trat ein Zustand ein, welcher einerseits keinen weiteren Fortschritt verlangte oder gar duldete, was wiederum einen Konflikt mit dem menschlichen Wesen auslöst, welches sich nach einer immer fortschreitenden Weiterentwicklung sehnt.

Nach der Jahrtausendwende zeigt sich erstmals ein neues Aufkommen von „utopianistischen“ Denken auf, welches im Schoss einer transnationalen wirtschaftlichen und politischen Oligarchie, vor allem im Orbit des Weltwirtschaftsforum „WEF“, entsteht, massgeblich geprägt von den Texten von Yuval Noah Harari. Harari greift die eschatologische Paranoia des Utopianismus des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts auf, diesmal weniger im Zuge des menschlichen Untergangs durch Kriege und archaischer Regierungsformen, sondern der aus den Fugen geratenen Technologie. Ebenso wie die Identifizierung der Problematik ist auch der kollektivistische Lösungsvorschlag nicht bedeutsam anders als im 19. Jahrhundert.

Dieser neue Utopianismus wird, ebenso wie dazumal, von einer breiten Schicht der Eliten aufgegriffen, wenn auch zumeist nur implizit. Das Paradox ist, dass der Zeitgeist aufgrund der erwähnten Traumata sich gegen solche Utopien sträubt, etwas, woran selbst von denselben Eliten kontinuierlich appelliert wird. Es bildet sich ein Zwiespalt, einerseits eine kollektivistische Utopie anzustreben, zugleich aber ebensolche als Treiber der Urkatastrophen der Moderne zu verteufeln.

Das Problem der Utopien ist, dass sie jedes Mal zu einer Dystopie wurden, sobald man sie tatsächlich umsetzen wollte, da man ja den Menschen nur zu seinem Glück zwingen wollte und somit im Recht sah, alle erdenklichen, gar skrupellosen Mittel dazu anzuwenden.

Dem Menschen in der komplexen Zivilisation scheint es inne zu wohnen, Utopien zu erdenken, und seit dem Industriezeitalter tut er sich nun schwer daran, den Gedanken, diese tatsächlich umzusetzen, loszulassen. Allerdings ist die Utopie schlussendlich nur eine bequeme Ausflucht in eine unpraktikable Traumwelt, um die Schwierigkeit der pragmatischen Ideen und Ideale, welche sich tatsächlich an eine tangible Realität und an die conditio humana anpassen könnten, sowie des rationalen Diskurs den sie mit sich führen würden, zu vermeiden.

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Herr Berger

A. M. Berger, der bescheidene Hausierer von Geschichten und Traktaten, ist in der Schweiz ansässiger Philosoph und Autor von Romanen und Kurzgeschichten.
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