A. M. Berger

Bescheidener Hausierer von Geschichten und Traktaten.

Schlechte Angewohnheiten, die man überwunden glaubt, kehren oft mit grösserer Vehemenz zurück

Es gibt ein Phänomen, wobei man meint, eine Unart überwunden zu haben, diese aber tatsächlich weitergeführt wird, und mit noch grösserer Vehemenz als zuvor, da sie nun nicht als jene Unart erkannt wird, sondern gerade als die heilbringende Reaktion, mit welcher man sie überwunden meinte. Eine falsche Überwindung der Unart, welche jene Unart verstärkt zurückbringt.

Ein banales Beispiel (welches ich schon einmal beschrieb) wird durch die Entwicklung der Reisedokumentationen verbildlicht. Es gab in den 30er bis 50er Jahren eine Reihe an kurzen Dokumentationen, die „Traveltalks“ welche von James A. FitzPatrick produziert wurden, welche verschiedene Orte der Welt zeigten und in den Kinos als Vorprogramm gezeigt wurden. Besonders daran war, dass diese in Farbe gedreht wurden, wodurch sie sich von anderen solchen Produktionen unterschieden und bis heute noch als Fussnote der Filmgeschichte in Erinnerung blieben. Aus heutiger Sicht sind diese Dokumentation von vollendeter Naivität, romantische Postkartenansichten, beschönigt und in Szene gesetzt, ohne jegliche Zurückhaltung bezüglich Klischees und Vorurteilen. Eine völlig verfälschte Darstellung der Realität, könnte man sagen.

Vergleicht man diese Filme nun mit modernen Reisedokumentationen, so ist der Unterschied gewaltig: Moderne Dokumentationen versuchen gerade dieser naiven Betrachtung zu entfliehen und stattdessen die Realität zu zeigen, mit ihren schönen und hässlichen Seiten. Doch sie zeigen nicht die Realität, schon einmal aus dem einfachen Grund, dass es bei der Erfahrung eines Ortes keine einzelne Realität in dem Sinne gibt, es gibt nur die individuellen subjektiven Wahrnehmungen, welche oftmals unterschiedlich sind. Einer findet diese Stadt grossartig, der andere grässlich. Beide haben Recht und zugleich keiner, es sind lediglich unterschiedliche Ansichten. Ein Film sucht sich ebenfalls aus, was er zeigen möchte, und niemals wäre es möglich, alle Facetten des Lebens an einem Ort zu zeigen. Die Auswahl geschieht subjektiv nach dem Kriterium des Filmschaffenden.

Der moderne Film gibt also vor, diese romantische Postkartendarstellung zugunsten einer realistischen Darstellung überwunden zu haben, doch was er tatsächlich macht ist, eine ebenso verfälschte Darstellung als Realität zu verklären. Die „Traveltalks“ trugen oftmals Titel wie „Colorful Bombay“ („Farbiges Bombay“), „Glimpses of Peru“ („Flüchtige Blicke von Peru“) oder „Picturesque New Zealand“ („Malerisches Neuseeland“); also welche bereits andeuteten, dass dies lediglich ein impressionistischer Eindruck des Ortes und nicht eine realitätsnahe Darstellung war, und auch die Einsprechungen sind immer aus der Sicht eines fremden Betrachters gehalten, welcher jenseits der enzyklopädischen oder touristischen Informationen nicht vorgibt, tiefere Einblicke zu besitzen. Welche Meinung man auch über solche Filme haben könnte, so kann man ihnen keineswegs vorwerfen, sich als etwas auszugeben, was sie nicht sind.

Anders verhält es sich mit modernen Dokumentationen, welche sich eben anmassen wollen, einen tieferen, wahrhaftigeren Einblick zu bieten, als jene veralteten Vignetten. Waren die „Traveltalks“ sozusagen eine ehrliche Verfälschung, so sind moderne Filme eine selbstverleugnende Verfälschung. Und da diese Verfälschung sich nun so effektiv in das Gewand von Wahrhaftigkeit einwickeln kann, wird sie gar nicht mehr als solche Erkannt. Und der Zuschauer nimmt sie folglich auch als Realität wahr, wodurch ein verfälschtes Wissen geschaffen wird: Ein Wissen, das zwar falsch ist, von welchem das Individuum aber davon ausgehen wird, dass es wahr ist.

Dieses Beispiel führt auch gleich zu einem weiteren, nämlich die Wahrnehmung über fremde Nationen und Kulturen. Da bis vor einigen Jahrzehnten das Reisen in fremde Länder nur einer sehr kleinen Bevölkerungsschicht möglich war, herrschten viele Klischees und Vorurteile, oftmals weniger in einem negativen als in einem romantischen Sinne, über jene unbekannten Orte. Der wilde Westen, der märchenhafte Orient, das kannibalische Afrika; romantisierte Vorstellungen von Orten und Zeitaltern welche lediglich aus einer begrenzten Kenntnis über diese Orte entstanden.

Mit der Globalisierung und der Vermassung des Reisens wandelten sich diese Auffassungen logischerweise. Scharen an Leuten konnten nun die Kontinente bereisen und jene unbekannten Länder und Kulturen aus der Nähe kennenlernen. Jedoch entspringt dem Tourismus letztlich eine andere Realitätswahrnehmung als wie es für Menschen, die an einem Ort wohnen, seien sie Einheimische oder Fremde, der Fall wäre.

Der Tourismus hat die Klischees, Vorurteile und Romantisierung der fremden Länder nicht überwunden, sondern lediglich gewandelt; und erneut kam anstatt der ehrlichen Verfälschung eine selbstverleugnende Verfälschung, welche sich als Wahrheit präsentiert, geboren aus einem flüchtigen Einblick weniger Tage oder Wochen in eine fremde Kultur, welche Oberflächlich gewisse Eigenschaften vorweisen mag, doch welche auch viele tieferliegende, oftmals un- oder unterbewusste Anschauungen und Werte hat, welche man erst nach vielen Jahren des Zusammenlebens verstehen könnte, wenn man als Fremder überhaupt jemals jene fremde Kultur begreifen kann.

Die Vorstellung der „grossen Menschheitsfamilie“, worin die kulturellen Unterschiede doch nur so oberflächlich sind und allen Menschen im Grunde die selben Werte und Moralvorstellungen inne wohnen, ist nichts als die Überspitzung dieser selbstverleugnenden Verfälschung, ein romantisches Märchen welches so schön klingt (und auch ob seiner Schönheit willig empfangen wird), aber schlussendlich keinen Bezug zur Realität hat. Und es ist diese Falschheit, die nicht als solche erkannt wird, welche sich umso hartnäckiger hält und schliesslich Treiber von Konflikten wird, indem der Widerspruch zu dieser imaginären Realität nicht als Meinungsverschiedenheit, sondern als Leugnung der Realität selber gedeutet wird.

Ein anderes Beispiel für dieses Phänomen findet sich in kulturellen Unarten, welche oftmals der Religion zugeschrieben werden, wie es im christlich-protestantischem Raum vor allem mit Puritanismus und Askese der Fall ist. Die protestantischen Ausrichtungen des Christentums wurden vor allem vom Begehren getrieben, das Wesentliche des Glaubens wiederaufzunehmen, und die übermässige Liturgie und Bildlichkeit der katholischen Kirche abzutun. Bis heute gelten die katholischen Regionen des Süden Europas wie Spanien, Frankreich oder Italien als lebensfreudiger und hedonistischer obgleich auch scheinheiliger als der ernste, arbeitsame und tugendhafte Norden.

Infolge einer voranschreitenden Abwendung vom Glauben aber haben sich diese Eigenschaft nicht abgeschwächt sondern geradezu verstärkt, und als wäre der Glaube immerhin noch eine gewisse Abgrenzung für solches Verhalten gewesen, welche jetzt gesprengt wurde, breitet sich jener Puritanismus und Askese in jeden Winkel der Gesellschaft aus. Pharisäisch wird gewetteifert, wer mehr Verzicht und Tugend predigen kann, durch weniger CO2-Emissionen, durch mehr Toleranz, durch moralische Verurteilung der Weltpolitik, durch Verzicht auf Fleischkonsum, durch mehr Beatifizierung von Minderheiten, durch grösseren Gesetzesgehorsam, durch Anbiederung an den Zeitgeist, usw., usf.. Es gibt kaum noch eine Facette des Lebens, zu welcher sich nicht solch ein moralinsaurer Diskurs findet.

Doch anstatt das solches Verhalten als Auswuchs der Religion verstanden und abgegrenzt wird, gilt es inzwischen fast schon als rationaler, vernünftiger Diskurs. Die einstmalige schlechte Angewohnheit wird somit zum wesentlichen Teil des gesellschaftlichen Umgangs und ist so allgegenwärtig, dass sie gar nicht mehr erkannt wird. Und gerade in der Abwendung von diesem Glauben, von welchem man meinte, dass er Ursprung dieser schlechten Sitten sei, hat diese Verhaltensweisen massgeblich entfesselt.

In der mitteleuropäischen Politik, wo Autoritarismus und Totalitarismus überwunden geglaubt waren, breiten sich ebendiese Tendenzen nunmehr im Namen der Verhinderung davon aus; Zensur im Namen der Meinungsfreiheit, Parteienverbote im Namen der Demokratie.

In der Kultur gelten derweil die Regeln einer Inquisition oder Hexenjagd: Wer aufgrund einer Häresie einmal ins Visier des Mobs kommt hat es schwer, wenn nicht unmöglich, sich zu rehabilitieren. Einmal gebrandmarkt gibt es keine Gnade, bis hin zur (bisher zum Glück nur symbolischen) Verbrennung auf dem Scheiterhaufen. Die sog. „cancel-culture“ ist letztlich nichts anderes als postmoderne Hexenverbrennung.

Und so ist es gar allzu oft, dass Unarten, welche irgend einer Form von Ignoranz entsprangen, zuvor noch bewusster als solche Unarten wahrgenommen werden konnten, als wenn man sie fälschlicherweise überwunden meint, und sie sich infolgedessen mit unendlich grösserer Präsenz und Vehemenz ausbreitet. So bahnen sich die urmenschlichen Laster schliesslich in jedem Moment von geistiger Schwäche einer Kultur ihren Weg zurück. Wenn die Fehler der Vergangenheit im Namen der Verhinderung dieser Fehler erneut begangen werden, ist es schwierig, aus dieser erkenntnistheoretischen Zwickmühle zu entkommen.

Die Aufklärung war die jüngste kulturelle Bewegung, die ein System erdenken wollte, welches die Tücken des menschlichen Wesens, immer so adrett, in seine schlechten Angewohnheiten zu fallen, ertragen und überwinden sollte. Dieses unterfangen war ziemlich erfolgreich und ergab eine Reihe von Methoden, welche die Fehlbarkeit des menschlichen Geistes weitgehend überbrücken konnte, um so an eine rationale Erkenntnisgewinnung zu kommen.

Dieses jetzige Phänomen ist nicht jenem System zuzuschreiben, sondern gerade der Aussetzung davon: Die Abwendung vom offenen Diskurs, von der Dialektik, welche, ohne Dogmatismen und Häresien, verschiedene Standpunkte, Behauptungen oder Argumente gegeneinander antreten lässt, um daraus idealerweise eine Erkenntnis zu gewinnen, welche besser sei als die vorangehende, doch immer mit dem Bewusstsein, das solche Erkenntnisse komplexer Themen fast nie endgültig sein werden, sondern immer und immer wieder aufs Neue auf die Probe gesetzt werden können und sollen.

Die Stärke der aufgeklärten Methoden zur Gewinnung von Wissen und Erkenntnissen ist es, dass sie sich selber standhalten, dass sie sich selber in Frage stellen können ohne an dieser Methode zu scheitern. Die heutige Gegenaufklärung handelt im Namen von Aufklärung, doch ihr entlarvender Punkt ist, dass sie die Methoden dieser Aufklärung, die sie von sich selber behauptet, nur im Schein durchführt und früher oder später auf Dogmen und Unterstellung von Häresie zurückgreifen muss, sobald der in dem Fall recht kurze Weg der Logik erschöpft ist.

Es ist wohl die ultimative intellektuelle Perversion, dass nunmehr aus vermeintlicher Aufklärung ein Dogma gemacht werde.

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Herr Berger

A. M. Berger, der bescheidene Hausierer von Geschichten und Traktaten, ist in der Schweiz ansässiger Philosoph und Autor von Romanen und Kurzgeschichten.
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