A. M. Berger

Bescheidener Hausierer von Geschichten und Traktaten.

Der kulturelle Zerfall des Westens ist kein Zufall, sondern folgt einer klaren Methode

Die Zersetzung der westlichen Kulturen ist ein immer offensichtlicher fortschreitendes Phänomen, welches zwar inzwischen von vielen erkannt wird, von welchem aber nur die Wenigsten die treibenden Mechanismen erkennen. Grund dafür ist, dass, vor allem in rechten und konservativen Kreisen, wenig Wert auf Geisteswissenschaften gelegt wird. Doch es ist gerade die Philosophie, welche die Grundlagen für das Verständnis und den Umgang mit unserer Realität und unserer Gesellschaft stellt.

Es sind philosophische Ideen, welche den Wandel unserer Kultur über die vergangenen Jahrzehnte massgeblich geprägt haben und ohne welche das derzeitig wütende und fast exklusiv abendländische Phänomen der Dekonstruktion von Kultur, Identität, Traditionen, usw. nicht verständlich wäre.

Hierbei handelt es sich nicht um eine obskure Verschwörungstheorie von finsteren Gestalten welche in einem dämmrigen Raum die Zukunft der Welt ausarbeiten. Die Vorstellung, dass aus dem akademischen Umfeld der Philosophie irgendwelche soziokulturellen Vorgaben entstammen sollten klingt aufs Erste schwer vorstellbar, doch gerade in den letzten Jahren haben wir sehr anschaulich erlebt, wie die Vorgaben und/oder Einfälle der Akademiker wirksam über die Medien verbreitet, durch die Politik umgesetzt und von der Gesellschaft akzeptiert werden. Ebenso verhält es sich mit der Philosophie, nur dass diese als akademische Metadisziplin (schliesslich sind Wissenschaft und Akademia selber philosophische Konzepte) über die weiteren akademischen und kulturellen Disziplinen wirkt, eher als dass sie direkten Einfluss nehmen würde.

Im Anschluss an den 2. Weltkrieg ging die akademische Philosophie der nachvollziehbaren Frage nach, was die Geschehnisse in und um den Weltkrieg aus soziologischer Sicht ausgelöst hatte und wie man solche Vorkommnisse in Zukunft verhindern könnte; was man an unserem Umgang und Denken ändern sollte, damit sich solche Zustände nicht wiederholen. Die Antwort hierauf meinte man zu finden in der „Kritischen Theorie“.

Die kritische Theorie ist eine Annäherung in der Gesellschaftsphilosophie, welche sich mit den Machtstrukturen und Herrschaftsmechanismen der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft auseinandersetzt und diese in Frage stellt. Die Bezeichnung „Kulturmarxismus“ ist ein tendenziöser Ausdruck, welcher oftmals verwendet wird, um das zu beschreiben, was eigentlich in die kritische Theorie eingeschlossen ist; allerdings ist Marx (zusammen mit u.a. Hegel und Freud) tatsächlich ein bedeutsamer Einfluss der kritischen Theorie.

Die kritische Theorie geht dem 2. Weltkrieg voran und bildet sich erstmals in den 30er Jahren aus, gewinnt aber im Anschluss an den Krieg die einschlägige Relevanz, welche die westliche Welt bis zur Gegenwart massgeblich geprägt hat, indem sie als Antwort auf die Frage zu den soziologischen Ursprüngen des Faschismus bzw. Totalitarismus gewertet wird, welche die Machtstrukturen und Hierarchien der Gesellschaft letztlich als Treiber der totalitären Ideologien aufzeigt.

Die politischen und ideologischen Machtstrukturen der totalitären Regime werden somit nur als eine Weiterführung aller anderen solcher Strukturen gesehen, wie: Nationalismus und Zugehörigkeit, Religion, Autorität und Gesetze, kulturelle und ethnische Hegemonie, ästhetische Differenzierung, Kapitalismus, uvm., aber auch solch fundamentale Konzepte wie Sprachgebrauch oder Familienstruktur. Die logische Folgerung, die aus dieser Erkenntnis entstammt, war, dass all diese Strukturen dekonstruiert werden müssen, um ein erneutes aufkommen totalitärer Ideologien an der Wurzel zu packen.

Versteht man dies, so findet man doch eine Methode im Wahnsinn der kulturellen Entwicklung der westlichen Welt nach dem 2. Weltkrieg: Alle diese Hierarchien und Machtstrukturen wurden nunmehr als Unterdrückungs- und Herrschaftsmechanismen angegangen, der Ausdruck „gesellschaftliches Konstrukt“ (engl.: „social construct“) brandmarkte jeweils all das, was es zu dekonstruieren galt.

In der Kunst, ästhetischer Ausdruck der Kultur, wurde das einfache Konzept der Schönheit, hierarchisch, ungleich und differenzierend wie es inhärent ist, erst relativiert und dann dekonstruiert. Wer kennt sie nicht diese Phrasen à la: „Schönheit ist subjektiv“ oder „wer entscheidet was Schönheit ist?“ Doch seltsamerweise war sich die Menschheit über Jahrtausende einig darüber, was schön sei und was nicht, und entschied sich erst seit aufkommen der Ideen der kritischen Theorie dafür, bewusst den Weg der Hässlichkeit zu gehen.

Dieses Prinzip wird auf alle betroffenen Strukturen angewandt: Warum soll eine Familie aus Vater, Mutter und Kindern bestehen? Das schliesst ja andere Arten von Familien aus. Warum soll ein Land ethnisch und kulturell homogen sein? Das schliesst ja die Immigranten aus. Warum soll der christliche Glaube vorherrschend sein? Das schliesst ja andere Religionen aus. Jede hierarchische Struktur ist per Definition ausschliessend, doch jede Ordnung erfordert auch solche Hierarchie.

Dieser aus der kritischen Theorie geborene Drang zur Dekonstruktion wurde nach und nach zu einem Selbstläufer. War einmal die Tendenz aufgezeigt und damit die neue Moralität der Dekonstruktion definiert, war es gar nicht mehr nötig, dies aktiv weiterzuführen. Längst hat sich eingebürgert, dass die Infragestellung traditioneller Strukturen unweigerlich positiv ist. Die alte Weisheit, einen Zaun nicht einzureissen, von dem man nicht weiss, weshalb er errichtet wurde, hat man in den Wind geschlagen. Unter den postmodernen Avantgardisten versucht man sich in der Dekonstruktion und die Attacke gegen jegliche traditionelle Struktur zu überbieten. War einstmals moderne Kunst eine abstrakte, infantile und unsinnige Aufreihung von Formen und Farben, so schiebt man sich heute direkt Farben in den Arsch und scheisst sie auf eine Leinwand.

Wie so viele postmoderne Ideen macht auch diese den Fehler, die menschliche Natur ausser Acht zu lassen, zugleich sie eben dieses Verhalten dem Positivismus (die Auffassung, Wissen dürfe nur wahrnehmbarer und überprüfbare Erkenntnis entstammen) der Aufklärung vorwirft. Doch gerade die Irrationalität und Subjektivität des menschlichen Wesens ist in sich selber eine Tatsache, zu welcher u.a. das Begehren nach Hierarchien wie eben Nation, Glaube und Familie gehört; oder das intuitive Verständnis über Schönheit, welches weitgehend zwischen den meisten Menschen übereinstimmt.

Dieser Fehler macht sich vor allem dadurch erkennbar, dass jegliche solche Dekonstruktion vorheriger Strukturen in die Konstruktion neuer Strukturen übergeht: Politische Korrektheit, Intersektionalität, „Gender“- und „Woke“-Ideologien, moderne Kunst, all das sind ebenso hierarchische Machtstrukturen wie die, welche sie ablösen sollten. Und doch sind es gerade die Verfechter der kritischen Theorie, welche sich krampfhaft für den Erhalt dieser neuen Machtstrukturen einsetzen, durch welche sie oftmals bevorteilt werden.

Es zeigt sich immer wieder aufs Neue, dass das Ankämpfen gegen die menschliche Natur eine Sisyphusaufgabe ist, welche immer dort endet, wo sie begonnen hat, bloss mit neu gemischten Karten. Auch zeigt sich, wie heuchlerisch der Kampf gegen vermeintlich problematische Strukturen ist, hinter welchem sich tatsächlich nur der Kampf um die eigene Deutungshoheit verbirgt.

Der Kampf gegen die menschliche Natur ist die vollendete Arroganz des Menschen, der über das hinauszuwachsen möchte, was er ist, und hierbei genau in all die schlimmsten Unarten seiner eigenen Natur tappt. Erst die Bescheidenheit, das eigene Wesen anzuerkennen, erlaubt es auch, eine aufgeklärte Zivilisation zu erbauen und zu erhalten.

Ein Kommentar zu «Kritische Theorie: Treiber der kulturellen Zersetzung»

  1. Avatar von Impfarzt Dr. Euthanasius Mrna-Mengele
    Impfarzt Dr. Euthanasius Mrna-Mengele

    „War einstmals moderne Kunst eine abstrakte, infantile und unsinnige Aufreihung von Formen und Farben, so schiebt man sich heute direkt Farben in den Arsch und scheisst sie auf eine Leinwand.“

    Tja, schade, dass die Kunst dermaßen versagt. Gerade jetzt, wo wir das, was sie bieten könnte, so dringend brauchen.

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Herr Berger

A. M. Berger, der bescheidene Hausierer von Geschichten und Traktaten, ist in der Schweiz ansässiger Philosoph und Autor von Romanen und Kurzgeschichten.
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Eine Antwort zu “Kritische Theorie: Treiber der kulturellen Zersetzung”

  1. „War einstmals moderne Kunst eine abstrakte, infantile und unsinnige Aufreihung von Formen und Farben, so schiebt man sich heute direkt Farben in den Arsch und scheisst sie auf eine Leinwand.“

    Tja, schade, dass die Kunst dermaßen versagt. Gerade jetzt, wo wir das, was sie bieten könnte, so dringend brauchen.

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