A. M. Berger

Bescheidener Hausierer von Geschichten und Traktaten.

Kapitel 4

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Ich fuhr früh morgens am nächsten Tag zurück nach Märzingen, wo es scheinbar seit meiner Abreise zwei Tage zuvor erneut einen Brand gegeben hatte. Diesmal hatte es die Wirtschaft erwischt, welche ich bei meiner anfänglichen Ankunft aufgesucht hatte. Die Feuerwehr war noch immer vor Ort, die Überreste des Gebäudes rauchten noch. Zahlreiche Anwohner waren um die Ruine versammelt, in ihren entgeisterten Gesichtern spiegelte sich die Verzweiflung von ernsthaften Zweifeln, dass ihr Dorf überhaupt noch bewohnbar sein könnte.

Der Wirt stand mit wässrigen Augen vor seiner zerstörten Existenz, einige der älteren Anwohner versuchten ihn zu trösten. Ich zeigte wenig Rücksicht vor seiner Situation und ging sofort auf ihn zu, um nach dem alten Mann zu fragen. Er reagierte anfangs nicht auf mich, doch als ich ein zweites Mal fragte, kam er zu sich. «Alois?», fragte er mit leiser Stimme. Mit wenigen Worten deutete er die Strasse entlang, es sei das rote Haus an der Ecke, dort wohnte der Alte.

Ich lief zum erwähnten Haus und klopfte an die Tür. Als keine Reaktion kam, versuchte ich die Tür zu öffnen, die nicht abgeschlossen war, und trat ein.

«Herr Alois?», rief ich hinein. Keine Antwort kam, aber ich sah oben an der Treppe ein Licht.

«Herr Alois? Entschuldigen sie mein Eindringen», sagte ich, während ich die Treppe langsam hinaufstieg, «aber ich muss sie etwas wichtiges fragen.»

Oben befand sich ein altmodisch eingerichtetes Wohnzimmer, mit einigen Bücherregalen an der Wand und einem Kamin in der Mitte. In diesem brannte ein Feuer, davor sass der alte Mann Alois in einem dunkelgrünen Sessel und starrte auf die Flammen.

«Sie wissen es also», sagte er, ohne mich anzusehen.

«Ich habe das Videoband gesehen, was ich im Labor gefunden habe», antwortete ich. Alois nickte seufzend und mit geschlossenen Augen.

«Dann wissen sie, dass es für mich zu spät ist», sagte er.

«Aber was genau habe ich gesehen?»

Alois atmete tief durch und rieb sich die Augen.

«Wir haben praktische Experimente in Dämonologie durchgeführt», erklärte Alois ruhig, «zu militärischen Forschungszwecken.»

«Dämonologie?», fragte ich ungläubig.

«Dämonen, Teufelserscheinungen», sagte er nur.

«Verstehe ich ja, aber wie passt das zu militärischer Forschung?», hakte ich nach.

«Haben wir nicht alles sonst, was die Wissenschaft dem Menschen gab, im Krieg verwendet? Vom Eisen und Feuer zu Sprengstoff, Chemie, Krankheiten und zuletzt sogar das Atom, das Gefüge unserer Realität selbst. Warum also sollten wir nicht auch etwas für den Krieg anwenden, was jenseits unserer Realität ist?»

«Sie haben dort ernsthaft versucht, Dämonen als Kriegswaffe heraufzubeschwören?»

«Der Name des Projektes war ‘Technomagische Inzeption metaphysischer Phantasmen für die gefechtliche Anwendung’. Aber banal ausgedrückt lief es auf das hinaus, was sie beschreiben.»

«Und sie haben nie gedacht, dass das ganze nach hinten losgehen könnte? Sie haben sie dieses… etwas entfesselt, was Schrecken und Zerstörung verbreitet», sragte ich. Zum ersten Mal blickte Alois zu mir herüber.

«Ich war von Anfang an gegen dieses Projekt. Ich habe mich seit Jahren, nein, Jahrzehnten dem Studium von Dämonologie und Beschwörungen gewidmet», er deutete auf das Bücherregal an der Wand, «und ich konnte das Projekt deshalb auch nicht abtun. Einerseits, weil es meine Studien und Thesen in ungeahnter Weise voranbringen würde; vor allem aber, weil es mir grössere Angst machte, dass man dieses Projekt ohne mich umsetzen könnte, getrieben von einem Haufen von Fanatikern ohne jegliche Besonnenheit, geschweige denn einem Bewusstsein darüber, mit welchen Mächten sie dort spielten.

Ich habe versucht, dem Leichtsinn meiner Kollegen irgendwie Einhalt zu gebieten, als ich sah, dass es gar zu weit getrieben wurde. Aber man hörte nicht auf mich. Als die ersten Resultate positiv ausfielen, verschwand jede Zurückhaltung, jede Vorsicht. Ich wusste, dass so etwas geschehen würde, aber ich konnte es nicht mehr aufhalten. Es ist grausam, wenn man zusehen muss, wie ein solcher Leichtsinn betrieben wird, aber niemand auf die Warnungen hört. Jede Nacht raubt mir dieser Gedanke den Schlaf.»

Während er dies sagte, begann ich einen immer stärkeren Geruch nach Rauch zu vernehmen. Nach kurzer Zeit war der Raum vernebelt, und vom Erdgeschoss her konnte ich Feuer erkennen. Das Haus stand in Flammen.

«Es ist so weit», sagte Alois, noch bevor ich etwas sagen konnte.

«Bitte?», fragte ich erregt, «das Haus steht in Flammen!»

«Ich wusste, es wäre nur eine Frage der Zeit, bis mich der Feuerteufel heimsucht, wie er auch alle meine anderen Kollegen heimsuchte.»

«Wir müssen hier sofort raus», rief ich, und versuchte Alois aus dem Sessel zu zerren, doch er blieb stur sitzen.

«Es ist zu spät für mich. Retten sie sich. Dort bei dem Fenster hat es einen Schuppen darunter, sie können auf das Dach von diesem springen. Vielleicht schaffen sie es.»

Er wendete seinen Blick wieder auf den Kamin, während die Flammen von unten her immer näherkamen. Die Hitze wurde unerträglich, und das Atmen wurde schwer. Ich deckte mir Mund und Nase mit dem Hemd zu, um Abhilfe zu schaffen. Erneut versuchte ich Alois aus dem Sessel zu zerren, doch er schlug mir die Hand weg und gab mir einen Schubs in Richtung des Fensters. Draussen war bereits die Feuerwehr zu hören.

Ich wollte den Alten nicht einfach zurücklassen, aber ich musste mich schliesslich selber retten, um nicht selbst dem Brand zum Opfer zu fallen. Seiner Anweisung folgend sprang ich aus dem Fenster auf das Blechdach vom Gartenschuppen, dann auf den Boden, und lief schleunigst vom brennenden Haus weg. Der Notarzt versorgte mich wegen einer leichten Rauchvergiftung, ansonsten war ich wohlauf. Allerdings konnte ich nur noch zusehen, wie das Haus von Alois bis auf die Grundmauern abbrannte. Selbst der Wasserstrahl der Feuerwehr schienen diesen Flammen keinen Einhalt gebieten zu können.

Nach dem Feuer in Alois’ Haus gab es keine weiteren Brände mehr. Das Forschungslabor wurde allerdings nicht weiter betrieben, und nach einigen Wochen erschienen Arbeiter in schwarzen Lastwagen, die das Gebäude demontierten, bis nur noch eine Wiese dort vorzufinden war. Die Wirtschaft des Dorfes wurde, wie auch die meisten anderen Häuser, wiederaufgebaut, auch dank einem besonderen Fonds der Regierung, welche die Schäden, die offiziell den Stromschwankungen durch das Forschungslabor zugeschrieben wurden, kompensieren sollte. Das Ganze wurde durchaus diskret gehandhabt, zu keiner Zeit war auch nur ein Journalist oder sonstiger Berichterstatter vor Ort, der über diese Geschehnisse berichtet hätte. Es war, als wäre sei davon jemals geschehen.

Nur ein Haus blieb als verkohlte Ruine zurück, nämlich das von Alois. In diesem Haus war kein Anwohner verzeichnet, der Anspruch auf den Wiederaufbaufonds hätte stellen können. Als ich die Feuerwehr fragte, sagten sie, sie hätten keinerlei menschlichen Überreste in diesem Haus gefunden. Es schien, dass es schon zuvor verlassen gewesen wäre. Und im ganzen Dorf wagte es nie wieder jemand, über Alois oder über den Feuerteufel zu sprechen.

Ende

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Herr Berger

A. M. Berger, der bescheidene Hausierer von Geschichten und Traktaten, ist in der Schweiz ansässiger Philosoph und Autor von Romanen und Kurzgeschichten.
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