A. M. Berger

Bescheidener Hausierer von Geschichten und Traktaten.

Kapitel 3

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Ich brauchte einen Moment, um meine Augen an das halbdunkle Innere dieses Gebäudes zu gewöhnen. Die Räumlichkeiten waren mit zahlreichen Neonröhren ausgestattet, welche aber fast alle ausgeschaltet waren. Nur eine Art Notlicht brannte und flutete den Ort mit einem schwachen gelblichen Schein, der ihn noch unwirklicher erscheinen liess, als er ohnehin schon war. Das erratische Flackern von einigen der Neonlampen machte den Eindruck nicht gerade angenehmer. Am seltsamsten aber war die absolute Stille, die hier herrschte. Man hätte eine Nadel auf den Boden fallen gehört.

Die Etage, auf der ich hineingekommen war, bestand hauptsächlich aus einem breiten Gang, welcher an der Wand des Gebäudes entlangführte. Zur Mitte des Raumes war der Gang offen, mit einem stählernen Geländer versehen, und liess eine unermessliche Vertiefung erahnen. Direkt vor mir sah ich, was nach einem stählernen Käfig aussah, mit einem Fenster in der Mitte und drinnen einem Stuhl, woraus ich schloss, dass es wohl ein weiterer Empfang sein musste.

Auf der Gegenüberliegenden Seite gab es drei Aufzugsschächte, allesamt aus Metallgitter: Zwei kleine auf den Seiten, und ein enorm grosser in der Mitte. An beiden Seiten des Raumes führten zudem Treppen nach unten, aus Stahlgitter gebaut ragten sie vom Gang in die Leere des Raumes hinaus.

Ich lehnte mich vorsichtig über das Geländer und schaute nach unten. Ich konnte das Ende untere Ende des Raumes erahnen, doch es musste mindestens ein halbes Dutzend Etagen in die Tiefe führen. Mit dem wenigen Licht war nicht genau zu erkennen, was sich dort unten befand. Zumal meinte ich, ein Geräusch aus der Tiefe zu vernehmen, ein Klappern, oder Schritte vielleicht.

Das dämmrige und flackernde Licht deutete offensichtlich auf Probleme mit der Stromzufuhr hin, folglich nahm ich gar nicht erst in Betracht, mich an den metallenen Aufzügen zu probieren. Die Vorstellung, darin stecken zu bleiben, und hier von der Aussenwelt vergessen zu verrotten, war schauderhaft. Stattdessen lief ich eine der Treppen hinunter, langsam, vorsichtig, als wollte ich mit dem klappernden Lärm meiner Schritte nicht diese Stille stören – oder vielleicht nicht von jemandem gehört werden, der sich hier befinden könnte.

Die ersten zwei Etagen, welche ich erreichte, waren völlig leer, ein Gang, ebenso wie das oberste Stockwerk, ohne irgendeine Tür oder sonst einem relevanten Merkmal. Die dritte Etage abwärts war anders, diese war mit zahlreichen Türen versehen, alle gleich aus Metall, hellblau lackiert und mit einem runden Fenster darin. Alle waren abgeschlossen und der Raum auf der anderen Seite abgedunkelt, sodass ich nichts darin erkennen konnte.

Drei weitere Etagen folgten, die praktisch gleich aussahen, nur dass die Türen anders lackiert waren, erst hellrot, dann grün, dann lila. Die lila Etage war etwas anders, da sie weniger Türen hatte, viele davon doppelte. Doch auch hier war alles verschlossen und verdunkelt. Wie ich weiter nach unten lief, wurde es immer dunkler, das wenige Licht drang kaum bis in diese Tiefe durch.

Erst als ich die unterste Etage erreichte, fand ich einen ganz unterschiedlichen Anblick vor: Nur zwei Türen gab es hier, schwarz lackiert, und aus einer kam Licht, welches ebenso trüb war, wie im oberen Teil der Anlage. Ich lief zu dieser Tür hin und wollte sogleich versuchen, sie zu öffnen, doch ich hielt mich zurück und schaute erst durch das runde Fenster. Der Anblick dahinter war ziemlich desolat: Eine grosse Halle mit Betonwänden, in welcher allerlei Gerätschaften verstreut waren, welche ich, von einfachen Dingen wie den Lampen, Bildschirmen und Videokameras abgesehen, nicht definieren könnte, doch der Anblick war hochwissenschaftlich. Was den Anblick aber so beunruhigend machte war, dass alles chaotisch und beschädigt herumlag, als hätte darin jemand gewütet und alles um sich geworfen. Ich schaute nach Lebenszeichen, doch nichts regte sich in diesem unschönen Stillleben.

Ich versuchte die Tür zu öffnen, und tatsächlich war es die erste Tür, die ich hierin aufgefunden hatte, die nicht verschlossen war. Als ich eintrat, überkam mich ein beissender Gestank nach verkokeltem Kunststoff. Ich erkannte nun auch, dass viele der Utensilien und Gerätschaften ganz oder teilweise zerschmolzen waren, als ob sie einer enormen Hitze ausgesetzt gewesen wären. Unter meinen Füssen knisterten die Scherben von Glühbirnen, die zerschmettert waren, nachdem die Stative, auf welchen sie gestanden hatten, umgekippt waren.

In der Mitte dieser enormen Halle, umgeben von all den anderen Gegenständen, als wäre dort das Subjekt der Forschung platziert gewesen, erkannte ich drei Teslaspulen, Gebilde, welche aus einem Horrorfilm der dreissiger Jahre zu entstammen schienen, allerdings in einer moderneren Ausführung: Eine runde, von Kupferdraht umwickelte Säule mit einem silbern erscheinenden Aufsatz obendrauf, welche wiederum auf einem etwa quadratischen schwarzen Gehäuse stand, das über zahlreiche Anschlüsse und Schalter verfügte, und aus welchem je ein sehr dickes Kabel heraustrat.

Die drei Teslaspulen waren angeordnet, sodass sie ein Dreieck bildeten, mit etwa drei Metern Abstand zwischen ihnen. In der Mitte dieses Dreiecks standen einige Gitter aus gelbem Plastik, welche wohl etwas abgrenzen sollten. Ich wagte vorsichtig einen Blick hinter diese Plastikgitter und sah ein tiefes Loch im Boden, wohl anderthalb bis zwei Meter Durchmesser, welches grob in den Boden gebohrt worden war, sodass die Ränder gezackt und unregelmässig erschienen. Das Loch war tief genug, als dass ich nichts ausser Dunkelheit darin erkennen konnte.

Ich war vorsichtig, nichts von all diesen Gerätschaften anzufassen, da viele davon den Eindruck machten, dass sie gefährlich sein konnten. Ich schloss nicht aus, dass einige Teile noch unter Strom stünden. Weiterhin aber verwunderte mich, dass es keinerlei Anzeichen dafür gab, dass sich irgendwer hier befinde. Es war mir vollkommen unbegreiflich, dass dieser Ort so leer sei, und auch noch im Anschein, mitten während der Durchführung von welchen Experimenten auch immer verlassen worden zu sein.

Am Ende dieser Halle gab es eine weitere Tür, die nicht verschlossen war. Dahinter kam ich in einen Aufenthaltsraum, mit einem Esstisch in der Mitte und einer Kochnische. In einer Ecke gab es ein Fernsehgerät, das an der Wand befestigt war. Auf dem Esstisch standen einige Teller und Geschirr. Erneut empfand ich diesen unangenehmen Eindruck, dass dieser Ort mit grösster Eile verlassen worden war.

Erst der nächste Raum gab mir eine erschreckende Gewissheit darüber, wo die Arbeiter dieses Ortes abgeblieben waren. Es war ein Büroraum, mit mehreren Schreibtischen und zahlreichen Aktenschränken an der Wand. In einer Ecke dieses Raumes sah ich den grässlichen Anblick verkohlter Überreste von vielleicht einem Dutzend Menschen, sie waren dermassen verbrannt, dass es schwer war zu erkennen, wo ein Kadaver endete und der nächste anfing.

Die Körper waren alle nahe beieinander, im hinteren Teil des Raumes. Ein Tisch lag unweit von ihnen umgekippt auf dem Boden, als hätten sie sich damit noch vor irgend etwas schützen wollen. Nebst den Körpern und dem Boden und den Wänden in unmittelbarer Nähe von diesen, war der umgekippte Tisch das Einzige, was ebenfalls verbrannt erschien. Es gab sonst keinerlei Anzeichen für ein grösseres Feuer, das hier gewütet hätte.

Ich schaute mich weiter in diesem Raum um, auf der Suche nach Hinweisen darüber, was wohl geschehen sein konnte, doch alles, was ich fand, waren Dokumente, mit endlosen physikalischen Formeln und technischen Erläuterungen, denen ich nichts abgewinnen konnte. Vor dem umgekippten Tisch lag allerdings eine Videokassette, welche wohl von diesem Tisch gefallen war. Sie schien nicht beschädigt. Ich hatte zuvor in der grossen Halle Videokameras bemerkt, das mussten wohl Aufnahmen der Experimente sein. Meine Neugier darüber war enorm, sodass ich sogleich diese Kassette an mich nahm.

Gerade in dem Moment hörte ich ein seltsames Grollen, welches aus der grossen Halle zu kommen schien. Schnell lief ich dorthin zurück, doch es schien noch immer menschenleer. Dann bemerkte ich, dass aus dem Loch bei den Teslaspulen ein glühendes Licht kam. Der Lärm war wieder zu hören, diesmal klang es schon mehr nach einem Grölen, wie von einem wilden Tier, jedoch mit einer Tiefe und Stärke, die das Geräusch durch Mark und Bein gehen liessen. Vorsichtig näherte ich mich dem Ort, welcher nun eine unerträgliche Hitze ausstrahlte. Die Plastikgitter um das Loch herum begannen gar zu schmelzen. Solche Hitze trat dort heraus, dass ich mich nicht einmal genug nähern konnte, um in das Loch hineinzublicken. Erneut das Grölen.

Das Ganze wurde mir langsam unheimlich, ich meinte, wohl genug gesehen zu haben, und suchte den Weg hinaus. Während ich die vielen Treppen nach oben lief, hörte ich immer wieder dieses grässliche Geräusch hinter mir. Ich schaffte es schliesslich die vielen Treppen hinauf und dann nach draussen, und lief so schnell ich konnte von diesem verfluchten Ort weg.

In der Universität Thurikon konnte ich dank der Hilfe von Professor Grebenschtschikow auf ein Gerät zugreifen, mit welchem ich diese Videokassette, welche eines etwas veralteten aber professionellen Formats war, sichten konnte. In einem kleinen, fensterlosen Arbeitszimmer standen auf einem Schreibtisch mehrere Bildschirme, einer davon ein Röhrenfernseher, und auf einem metallenen Regal daneben befanden sich zahlreiche Videogeräte für alle nur erdenklichen Formate. Ich suchte das, welches für das DVCAM Format bestimmt war und legte dort die Kassette ein.

Auf einem der Bildschirme begannen die Bilder abzulaufen. Sie zeigten die Halle, welche ich gesehen hatte, mit den Teslaspulen und dem seltsamen Loch in der Mitte. Auf dem Video war die Halle allerdings voll von Leuten in weissem Kittel. Die Kamera befand sich einige Meter entfernt und leicht erhöht, sodass alle Vorgänge gut zu sehen war. Es war nicht genau zu hören, was die Leute sagten, bis nach einer Weile einer von ihnen rief: «Also gut, wir fahren nochmal hoch.» Ein anderer kam auf ihn zu, scheinbar ein älterer Herr, und besprach etwas, was nicht hörbar war. Der Erste hörte einen Moment zu, dann schien er den anderen abwimmeln zu wollen, und rief erneut: «Also los!»

Ein lautes Surren und Knistern war zu hören, elektrische Blitze schossen von den Teslaspulen hervor. Das Licht in der Halle flackerte, wohl wegen der grossen Beanspruchung der Stromversorgung. Schliesslich bildeten sich stabile Funkensprünge zwischen den Teslaspulen. Nun begann ein Licht aus dem Loch in der Mitte zu leuchten, so wie ich es auch gesehen hatte. Auch hörte ich dieses grässliche hohle Grollen, dass ich selbst an dem Ort gehört hatte. Das Bild verzerrte sich plötzlich, als wäre die Videoaufnahme beschädigt. Es kam und ging immer wieder, zwischendurch konnte ich immer einen Moment lang die Halle erkennen. Inzwischen kam ein heller Strahl aus dem Loch, und ich meinte eine Form zu sehen, die sich daraus erhob. Dann plötzlich Rufe: «Nein, halt, aus, aus, aus!», rief jemand. Die Teslaspulen wurden heruntergefahren, die Funkensprünge hörten auf. Nun war das Bild wieder stabil und klar.

«Was ist denn jetzt?», rief der Mann, der am Anfang das Signal zum Start gegeben hatte. Erneut kam der andere Herr auf ihn zu und redete mit ihm, ohne dass die Konversation hörbar wäre. «Nein, es reicht», rief der erste merkbar irritiert. «Wir können so nicht fortfahren, es ist zu gefährlich», sagte der andere, nun laut genug, als dass ich ihn hören konnte. «So geht das nicht, so nicht», sagte er lautstark. Dann entfernte er sich schräg in Richtung der Kamera, sodass einen Augenblick lang sein Gesicht genauer zu sehen war.

Ich hielt das Videogerät an, und spulte zurück. Mit einigen Knöpfen am Gerät konnte ich Bild um Bild einzeln betrachten. Langsam liess ich das Video so laufen, bis ich es dort anhielt, wo der Mann am nächsten zur Kamera stand, und ich sein Gesicht erkennen konnte. Mit zugekniffenen Augen schaute ich auf den Bildschirm, ich konnte kaum fassen, was darauf zu sehen war: Es war der alte Alois aus dem Gasthaus.

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Herr Berger

A. M. Berger, der bescheidene Hausierer von Geschichten und Traktaten, ist in der Schweiz ansässiger Philosoph und Autor von Romanen und Kurzgeschichten.
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