A. M. Berger

Bescheidener Hausierer von Geschichten und Traktaten.

Kapitel 2

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In der Nacht wurde ich vom Lärm von Sirenen, Motoren und lauten Rufen geweckt. Erst meinte ich, es sei ein schlechter Traum, doch ich kam nach und nach zu mir und erkannte, dass tatsächlich etwas vor sich ging. Ich bemerkte helle Lichter draussen, die auf die dicken Vorhänge schienen. Ich stand vom Bett auf und schaute aus dem Fenster. Der Anblick war überwältigend. Direkt auf der anderen Strassenseite stand das Haus lichterloh in Flammen. Die Feuerwehr versuchte den Brand in den Griff zu bekommen, was kein Leichtes war. Das hölzerne Haus brannte wie Zunder.

In der Ferne hörte ich eine weitere Sirene, die sich näherte. Mein Zimmer war in einer Ecke des Gebäudes, so konnte ich auch zur Rechten vom Brand schauen. Ich sah in der Dunkelheit der Nacht das Blaulicht einer Ambulanz, welche in diese Richtung fuhr. Ich schaute einen Moment lang hinterher, als ich hinter der Ambulanz ein weiteres, helles Licht sah; ein Gebilde, was wie Flammen erschien, als würde etwas dort brennen. Doch anstatt, dass es stillstünde, bewegte es sich sogleich mit überraschender Geschwindigkeit, schneller als die Ambulanz gefahren war, in die Ferne, in die Richtung in welcher, wenn ich es recht verstanden hatte, diese militärische Forschungsanlage zu finden war. Dort verschwand diese feurige Figur in der Dunkelheit.

Der Anblick am nächsten Morgen war grausam, kaum noch einige verkohlte Ruinen waren vom verbrannten Gebäude übriggeblieben. Eine alte Frau, die in diesem Haus gewohnt hatte, war noch in derselben Nacht infolge von Verbrennungen und Rauchvergiftung gestorben. Von den verschiedenen Bränden, welche in den vergangenen Wochen das Dorf Märzingen heimgesucht hatten, war dies der erste gewesen, welcher ein Todesopfer gefordert hatte. Entsprechend gedrückt war die Stimmung in der Gaststätte am nächsten Tag.

Ich war allerdings noch immer mit dieser flammenden Erscheinung besessen, die ich in der Ferne gesehen hatte, und welche, so meinte ich, mir bereits zuvor am gleichen Tag erschienen war. Ich unternahm einen Spaziergang in die Richtung, in welcher ich in der Nacht diese Gestalt erblickt hatte.

Das Dorf lag nach kurzer Zeit hinter mir, und die Strasse führte nun entlang einiger Felder. Es gab kleine Bauernhäuser und Scheunen in der Umgebung, und etwas weiter vorne erhob sich jenseits des Flusses ein grüner Hügel. Nach einer Weile kam ich in die Nähe einer umzäunten Parzelle, der Zaun war um die zwei Meter hoch, oben mit Stacheldraht versehen und von innen mit einer schwarzen Plastikplane versehen, sodass nicht zu erkennen war, was sich dahinter befand. Nur das Dach eines Gebäudes konnte ich gerade so erahnen. Es hätte kaum offensichtlicher sein können, dass dies die erwähnte Forschungseinrichtung war, denn der Versuch, sie zu verbergen, machte das Ganze nur offensichtlicher. Andererseits war diese Region überhaupt so weit abseits jeglicher grösseren Ortschaften oder bedeutsamer Verkehrswege, dass ausser den ortsansässigen Bauern sowieso kaum jemand einen Grund gehabt hätte, hier vorbeizukommen.

Ich näherte mich vorsichtig, immer Ausschau haltend, ob jemand auf meine Anwesenheit aufmerksam würde. Doch alles war ruhig, bis auf ein klapperndes Geräusch, welches all so oft mal aus der Richtung dieser Einrichtung zu hören war. Es klang wie ein metallisches Klopfen. Vielleicht Wartungsarbeiten, dachte ich. Ich lief einen Weg entlang, immer näher zu diesem eigenartigen Gebilde, diesem schwarzen Loch inmitten der Felder.

Ich begann die abgezäunte Parzelle zu umkreisen, auf der Suche nach dem Eingangstor, welches vielleicht irgendeinen Hinweis barg, was sich hinter dem Gitter befand, oder befinden sollte. Zu meiner völligen Überraschung fand ich das Eingangstor, ebenfalls ein mit schwarzer Plane versehener Zaun, offen vor. Der Wind lies das Tor immer wieder auf und zu schwingen, was dieses klappernde Geräusch verursachte. Ich bewahrte weiterhin einen gewissen Abstand, während ich versuchte, einen Blick hineinzuwerfen. Der Ort schien trotz der offenen Tür völlig menschenleer.

Hinter dem Gehege erspähte ich ein einfaches, einstöckiges Gebäude aus Beton, es sah tatsächlich aus wie eine einfache kleine Lagerhalle oder etwas dergleichen. Mit grosser Zurückhaltung näherte ich mich langsamen Schrittes dem Eingang, eigentlich nur mit der Absicht, das Innere mehr aus der Nähe zu sehen. Ich konnte mir denken, mit solchen Einrichtungen sei nicht zu spassen.

In dem Moment sah ich, wie aus dem Gebäude diese feurige Gestalt kam, die ich bereits zweimal zu sehen gemeint hatte, diesmal allerdings aus viel mehr aus der Nähe als zu vor, er schien eine humanoide Gestalt, gänzlich aus Flammen gebildet, mit zwei tiefschwarzen Augen im Haupt, über einem ebenso schwarzen Schlund, der eine grässliche Fratze von einem Gesicht bildeten. Diese Gestalt schien aus der Wand des Gebäudes zu treten, sie kam mit enormer Geschwindigkeit auf mich zu, sodass ich nicht einmal reagieren und die Flucht ergreifen konnte, stattdessen warf sich dieses Etwas auf mich, und fuhr mitten durch meinen Körper hindurch, woraufhin ich einen unermesslichen Schmerz von Verbrennung spürte, der aber nur den Bruchteil einer Sekunde anhielt.

Ich fand mich an der gleichen Stelle wieder, auf das Gebäude und das klappernde Tor starrend. Hatte ich mir das gerade eben nur eingebildet? Eine Halluzination vielleicht? Ich schaute mich an, meine Kleidung war nicht beschädigt, meine Haut war nicht verbrannt. Nichts war mir passiert. Doch mein Herz raste, als hätte ich den feurigen Teufel selber erlebt. Irgendwas an diesem Ort war mir nicht geheuer. Ich lief schnellen Schrittes wieder fort, zurück zum Dorf.

Dort hatte sich eine kleine Menschenmenge nahe dem abgebrannten Haus versammelt. Einige Polizisten waren vor Ort und inspizierten scheinbar die Ruine. Ich hatte das Gefühl, an diesem Ort überflüssig zu sein, als mische ich mich in Angelegenheiten ein, die mich nicht im Geringsten betrafen. Doch, wie bei einer dreibeinigen Katze, war diese ganze Situation ein hässlicher Anblick, von welchem ich mich nicht abwenden konnte. Stattdessen zog es mein morbidestes Interesse an, was tatsächlich vor sich ging. Und meine Vermutung, dass es hier nicht mit rechten Dingen zuging, sollte sogleich noch verstärkt werden.

Einige der Anwohner, welche sich um die Brandstelle versammelt hatten, drängten einen der Polizisten nach der Brandursache. Sie waren offensichtlich sehr nervös, dass ihnen das gleiche Schicksal widerfahren könnte, wie der verunglückten alten Dame.

«Wir können noch nicht mit Sicherheit sagen, was die Brandursache war», erklärte der Polizist.

«Was ist denn mit der Elektrik, da hiess es doch, dass es Stromschwankungen gab», erwiderte eine Frau mittleren Alters.

«Es scheint nicht die Elektrik gewesen zu sein», antwortete der Polizist, «diese ist vor wenigen Jahren erst modernisiert worden, mit angemessenen Schaltsicherungen. Wir haben bisher keine Hinweise gefunden, dass der Brand elektrisch ausgelöst wurde. Aber wie gesagt, es ist noch nichts klar, das kann sich alles noch ändern.»

Nun meldete sich der alte Alois zu Wort, den ich in der Wirtschaft getroffen hatte. Er schien sich mehr an die Menge zu richten, als an den Polizisten: «Sehen sie doch mal da, die hölzernen Säulen, was war denn damit?»

Ich schaute auf die Säule, auf welche der Alte deutete und tatsächlich: es war ein hölzerner Balken, der nach allen Seiten hin zersplittert war, als wäre er von innen heraus explodiert.

«Wir können da nichts… dazu…», begann der Polizist, doch es verschlug ihm die Sprache als er das Bild dieser zerborstenen Säule sah, und er starrte sie eine ganze weile an. «Wir… wir müssen zuerst unsere Ermittlungen abschliessen, bitte lassen sie uns unsere Arbeit machen. Danke.» Dann ging er zu seinem Kollegen hinüber und begann mit ihm leise zu sprechen, dabei schauten sie beide immer wieder die Säule an.

«Ich sage es doch, das ist der Feuerteufel», sagte der Alte in die Runde, «so verbrennt kein Haus, von innen heraus.»

Einige Leute gingen weiter, manche mit einer abfälligen Handbewegung, als würden sie den Worten vom Alten keinen Wert geben. Einige wenige schauten ihn mit grossen Augen an, und liefen dann hastig fort. Nach einer kurzen Zeit hatte sich der kleine Menschenauflauf aufgelöst.

«Warum sind sie sich so sicher, dass das ein Feuerteufel ist, wie sie sagen?», fragte ich den Alten als niemand mehr dort war. Er erschrak beinahe, als ich in ansprach. Er hatte mich wohl nicht bemerkt.

«Warum?», fragte er, «sehen sie sich das doch nur mal an. Es gibt keine andere Erklärung dafür.»

«Ich meine, wie kommen sie auf einen Feuerteufel? Ich hatte noch nie zuvor davon gehört», fuhr ich fort. Der Mann wurde ein wenig nervös, als ich diese Frage stellte.

«Es ist einfach… man kennt ja sowas, es sind alte Legenden und das Ganze. Ja, und dann diese Forschungen da draussen. Irgendwas Schlechtes musste doch von da kommen.»

Ich hatte das Gefühl, dass er meiner Frage auswich, doch ich wollte nicht weiter nachhaken.

«Apropos, ich habe mir diesen Ort da vorhin mal angesehen. Ist das eigentlich üblich, dass die Tür einfach offensteht? Sah ziemlich menschenleer aus, wenn sie mich fragen», sagte ich.

«Die Tür offen? Nein, das gab es eigentlich nie. Das ist normalerweise sehr gut bewacht. Ich sag es ja, dort passieren seltsame Dinge. Das alles wird ein böses Ende nehmen, dessen bin ich mir gewiss. Ein ganz böses Ende.» Sein Blick verlor sich in der Ferne als er dies sagte, und er entfernte sich langsam von mir, während er irgendwas für sich murmelte.

Ich überlegte, was er wohl meinen Worten entnommen hatte, um so darauf zu reagieren. Vor allem aber wuchs meine Neugier über dieses Forschungslabor immerzu ins unermessliche. Nicht minder, weil dieser Alte mit solcher Vehemenz darauf bestand, es mit den Bränden und diesem Feuerteufel in Verbindung zu bringen.

Die umzäunte Parzelle erschien noch immer so, wie ich sie zuvor gesehen hatte. Scheinbar von jeder menschlichen Präsenz verlassen, klapperte das offene Tor noch immer im Wind, und das Geräusch dieser metallenen Schläge hallte geisterhaft durch die einsame Landschaft.

Diesmal hielt ich nicht ein, sondern lief zielgerichtet zum Eingang. Es würde mich schon jemand aufhalten, wenn ich dort nicht eintreten sollte. Doch als ich die Schwelle des Tores überschritt, geschah nichts dergleichen. Ich sah mich im Inneren des umzäunten Grundstückes um, und auch hier war kein Mensch zu sehen. Neben dem Tor stand ein kleiner Container aus Kunststoff mit einem Fenster, welcher als Empfang diente. Ich näherte mich und blickte hinein. Drinnen lagen einige Papiere herum, der Hörer eines Telefons, welches an der Wand des Containers befestigt war, baumelte herunter. Die Tür des Containers stand ebenfalls offen.

Ich lief nun auf das Gebäude hin. Ein einfacher Bau aus unverkleidetem Beton, mit einigen Fenstern, welche, so sah ich kurz darauf, gar keine Fenster waren, sondern nur Fensterscheiben, die auf leichte Aushöhlungen der Betonwand angebracht worden waren. Das Gebäude war ein solider Klotz.

Die Zugangstür, eine schwarze, doppelte Tür aus Metall, war der einzige Zugang. Diese stand nicht offen doch, wie ich gleich bemerkte, war sie nicht verschlossen. Ich öffnete sie und trat in das Gebäude hinein.

Kapitel 3

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Herr Berger

A. M. Berger, der bescheidene Hausierer von Geschichten und Traktaten, ist in der Schweiz ansässiger Philosoph und Autor von Romanen und Kurzgeschichten.
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