A. M. Berger

Bescheidener Hausierer von Geschichten und Traktaten.

Kapitel 1

Es ist schon kurios, wie eine scheinbar völlig bedeutungslose Handlung eine ganze Kettenreaktion seltsamer Geschehnisse in Gang setzen kann. In meinem Fall war es, als ich versehentlich in Winterthur in den falschen Zug gestiegen bin. Ich wollte eigentlich anlässlich einiger freier Tage meine Verwandtschaft besuchen, vor allem einen Onkel von mir, welcher am Bodensee ansässig war.

Mein Onkel war ein reicher Mann, und er wusste ob meiner deprimierten Situation als Versicherungsvertreter, sodass er mir immer wieder mal ein Paar Geldscheine zusteckte, wenn ich ihn besuchen war. Ohne Zweifel erbärmlich für mich, doch irgendwann hatte ich die Scham darüber, in meinem Alter noch diese Almosen anzunehmen, überwunden, und das Begehren nach einer auch noch so kleinen Besserung meiner Lebensumstände obsiegte.

Ich war wohl völlig gedankenversunken, als ich in den kleinen Zug der Thurgau-Bodensee-Bahn stieg, sodass ich erst bemerkte, in die falsche Richtung zu fahren, nachdem schon mehrere Haltestellen hinter mir lagen. Es dunkelte bereits und ich war der einzige Fahrgast in diesem geisterhaften Wagen. Es erklangen auch keine Ansagen der Haltestellen, womöglich waren die Lautsprecher defekt. Ich wollte beim nächsten Halt aussteigen und wieder zurück nach Winterthur fahren, doch es verging nun eine ganze Weile ohne eine weitere Station. Als der Zug endlich hielt, kam eine kurze Durchsage: „Endstation, bitte Aussteigen, dieser Zug geht ins Depot.“

Ich leistete Folge und fand mich in einem kleinen Dorf genannt Märzingen wieder, wie ich von den blauen Schildern des Bahnhofs interpretieren konnte. Ich hatte noch nie von diesem Ort gehört und es konnte kaum eine bedeutsame Ortschaft sein, der Bahnhof selber war wenig mehr als ein hölzernes Wartehäuschen. Daneben stand, was wohl mal ein Güterschuppen gewesen war, der allerdings vor einiger Zeit abgebrannt war.

Im Wartehäuschen war ein Fahrplan ausgehängt, vom Regen durchnässt und von der sonne gebleicht, auf dem ich gerade so noch erkennen konnte, dass meiner der letzte Zug an diesem Tag gewesen war. Nichts fuhr mehr bis am nächsten Morgen, ich war gestrandet.

Halb so wild, dachte ich, da ich ja sowieso einige freie Tage hatte. Und mein Onkel war pensioniert, ihm machte es wenig aus, an welchem Tag ich zu ihm stossen sollte. Ich lief die Hauptstrasse entlang in Richtung des Dorfkerns, ein ziemlich weiter Weg an Feldern und Hügeln entlang, bis ich schliesslich das eigentliche Dorf Märzingen erreichte. Ich sah gleich beim Ankommen ein abgebranntes Bauernhaus, was mich überraschte, nachdem ich schon den Güterschuppen am Bahnhof in diesem Zustand aufgefunden hatte. Hier schien der Brand noch nicht allzu lange her zu sein, denn das verkohlte Holz wies noch etwas Asche auf und war auch nicht vermodert.

Ich betrachtete einen Moment wie gebannt die Überreste des Hauses im Licht der wenigen Strassenlaternen, als mein Blick auf etwas in der Ferne leuchtendes gezogen wurde. Erst dachte ich, es sei das Licht in einem Haus, welches angegangen war, oder ein vorbeifahrendes Auto. Doch dieses Licht flackerte, wie Feuer. Wohl ein Lagerfeuer oder dergleichen, war mein erster Gedanke. Dann plötzlich bewegte sich dieses Licht, es schien fast schon menschliche Ausmasse zu haben und sich menschenähnlich zu Bewegen. Es bewegte in Richtung eines Waldes und verschwand darin. Ich muss wohl minutenlang dagestanden haben, während ich überlegte, was ich soeben gesehen hatte, oder gar, ob ich es tatsächlich gesehen hatte.

Ich hatte Glück in diesem abgelegenen Dörfchen ein Gasthaus zu finden, welches auch ein Paar Zimmer zur Übernachtung anbot, das Gasthaus zum Falken, welches in einem sympathischen alten Fachwerkhaus beherbergt war. Ich hatte das Gefühl gehabt, es sei schon späte Nacht, da es draussen schon dunkel und menschenleer war, doch als ich diese Wirtschaft betrat, bemerkte ich, dass eigentlich erst der frühe Abend angebrochen war. Einige der Einheimischen waren dort begleitet von Bierkrügen und Schnapsgläsern versammelt. Ich fragte den Wirt um ein Zimmer, doch als er mich schon hinaufgeleiten wollte, bat ich ihn um Einhalt, ich würde mir erst noch einen Schluck gönnen. Was sollte ich auch um die Zeit schon zu Bett gehen wollen. Ich setzte mich an den Tresen, neben einen älteren Herrn der Schnaps trank, und liess mir ein Bier einschenken.

„Sie sind nicht von hier“, sprach mich der Alte etwas grob an, „was bringt sie hier her?“

„Sie werden lachen“, antwortete ich, „ich bin in den falschen Zug gestiegen und hier gelandet.“

„Verstehe“, sagte der Mann nickend, „ist aber ziemlich schlecht jetzt hierher zu kommen.“

„Lass doch den Herren in Frieden, Alois, er tut doch keinem was“, mischte sich der Wirt ein.

„Höchstens eine Versicherung anbieten“, sagte ich und lachte verlegen, „ich bin nämlich Versicherungsvertreter. Brauchen sie noch eine Versicherung?“

Der Alte schaute mich düster an. „Wäre kein gutes Geschäft hier Versicherungen zu verkaufen. Nicht jetzt, wo der Feuerteufel umgeht.“

„Feuerteufel?“, fragte ich, „ein Brandstifter, meinen sie?“

Der Alte schüttelte den Kopf. „Nein, ein wahrhaftiger Feuerteufel. Ein feuriger Dämon geboren aus den tiefsten Tiefen der Hölle.“

Ich war völlig baff, aus dem nichts eine solche Aussage zu hören. Nervös schaute ich den Wirt an, der nur mit den Augen rollte. Doch so sehr, dass nach unsinnigem Aberglauben klang, kam mir die seltsame Erscheinung in den Sinn, die ich bei meiner Ankunft beobachtet hatte.

Der Alte bemerkte die Reaktion des Wirtes und sprach ihn an: „Wie viele Häuser waren es inzwischen? Der Hof vom Toni, das Haus von Familie Ziegler, und der Güterschuppen am Bahnhof.“

„Die Häuser sind alt, wahrscheinlich gab es wegen der Stromschwankungen in der letzten Zeit Kurzschlüsse. Der Gemeindepräsident hat schon gesagt, wir sollen auf jeden Fall die elektrische Einrichtung prüfen. Ich habe erst neulich hier die Sicherungen auswechseln lassen.“ Erklärte der Wirt als er meine besorgte Miene bemerkte.

„Was hat es denn mit diesen Stromschwankungen auf sich?“, fragte ich.

„Das ist wahrscheinlich wegen dieser Militäreinrichtung, die das Stromnetz belastet“, sagte der alte Alois. Ich antwortete, dass ich noch nie von einer Militäreinrichtung in dieser Gegend gehört hatte. „Natürlich nicht, die solle ja geheim sein. Ein geheimes Forschungslabor, angeblich. Aber trotzdem wissen wir alle hier davon.“

Der Wirt meldete sich zu Wort: „Es ist wahr, jeder hier weiss, dass dort irgendwelche Versuche gemacht werden, wahrscheinlich neue Waffen und solcher Dreck. Wir sehen ja immer wieder die unmarkierten Lastwagen durchs Dorf fahren. Obwohl es in letzter Zeit ziemlich ruhig war, sonst waren die ja nicht zu überhören.“

„Ich wusste gar nicht, dass die Schweizer Armee solche Einrichtungen betreibt“, sagte ich.

„Es ist ja auch nicht von der Schweizer Armee“, sagte der Alte, „das ist von irgendwelchen anderen Ländern, ich habe die Chauffeure verschiedene Sprachen reden hören, vielmals Englisch, manchmal aber auch irgendeine osteuropäische Sprache, einmal sogar etwas asiatisches, vielleicht Chinesisch oder Japanisch.“

Ich musste ernsthaft überlegen, ob man mich hier auf den Arm nehmen wollte, mit einer so weit hergeholten Geschichte. Das letzte, womit ich bei meiner Ankunft in diesem Kaff gerechnet hatte, war, zu erfahren, dass irgendwo im Ostschweizer Hinterland ein international betriebenes militärisches Forschungslabor untergebracht wäre, welches auch noch ein solches offenes Geheimnis unter den Einheimischen sei.

„Weiss man denn, woran dort geforscht wird?“, fragte ich, mit nun geweckter Neugier.

„Nicht wirklich“, sagte der Wirt, „der Ort ist sehr abgeschottet. Die Arbeiter gehen nie ein und aus, wahrscheinlich werden sie in den schwarzen Lastwagen hingebracht und wohnen wohl auch dort. Manchmal war etwas Lärm von dort zu hören, oder Nachts ein Paar Lichter, aber wenig mehr.“

„Dann war da noch dieses Beben“, sagte der Alte.

„Stimmt“, sagte der Wirt, „das muss was, vor drei oder vier Wochen gewesen sein. Man hat uns sogar darauf hingewiesen mit einem Rundbrief. Offiziell soll das ja ein Warenlager für eine Firma Universal Exports sein. Es hiess, die würden irgendwas umbauen im Untergrund, und es könne zu leichten Beben kommen, die aber nicht weiter gefährlich seien.“

„Und die gab es dann auch?“, fragte ich.

„Oh ja“, sagte Alois, „also wirklich schlimm waren sie nicht, aber es ist trotzdem eindrücklich, wenn die Erde so bebt.“

„Ein paar Gläser sind sogar aus dem Schrank gefallen“, sagte der Wirt.

„Ist ja regelrecht gespenstisch so was“, meinte ich.

„Man gewöhnt sich dran“, sagte der Wirt, „wir leben hier ganz gut von den Steuereinnahmen dieser Einrichtung. Das Dorf war am Sterben, als die kamen, Leute zogen weg, es gab kaum Arbeit. Mit dem Geld wurde für die Bauern neues Gerät subventioniert, und eine neue Buslinie eingerichtet, die hier entlang fährt. Mehr Züge fahren jetzt auch zu unserer Haltestelle. Es war alles eigentlich wunderbar, bis…“

„Bis diese Brände anfingen?“, fragte ich. Der Wirt nickte.

„Ich bleibe dabei, das ist der Feuerteufel“, sagte der Alte, „wir haben unsere Seele an den Teufel verkauft, und jetzt kommt er zu holen, was ihm zusteht.“

Kapitel 2

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Herr Berger

A. M. Berger, der bescheidene Hausierer von Geschichten und Traktaten, ist in der Schweiz ansässiger Philosoph und Autor von Romanen und Kurzgeschichten.
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