Die Bedeutung der Unterschiede im Wesen von Europäern und Amerikanern
Während in den USA die gesellschaftliche Präferenz gegenüber Trump weitgehend ausgewogen ist, existiert im europäischen Mainstream, medial sowie gesellschaftlich, eine hochgradige fast universelle Ablehnung von ihm, sowohl als Person wie auch als Politiker. Es offenbart einen kulturellen Unterschied welcher nur ansatzweise durch die pragmatischen Unterschiede zwischen der Wahrnehmung von Einheimischen und Aussenseitern erklärt werden kann.
Aufgrund der Position als faktischer Hegemon der westlichen Welt ist die Figur des US-Präsidenten auch ausserhalb der Vereinigten Staaten von grosser Prominenz, und entsprechend lautstark auch der Meinungsdiskurs dazu. Die Betrachtung ist allerdings markant unterschiedlich: Während für den Europäer die aussenpolitische Agenda logischerweise höchste Relevanz hat, schauen die Amerikaner selber vor allem auf die Innenpolitik und legen auf die Aussenpolitik, je nach dem wie sehr sie selber davon betroffen sind, vergleichsweise wenig wert.
So existiert beispielsweise im derzeitigen europäischen Diskurs kaum Kenntnis darüber, welches Ausmass die Inflation und damit verbundene Teuerung über die letzten Jahre auf den Alltag vieler Amerikaner gehabt hat; während hingegen der Ukraine-Konflikt dort viel weniger aufgeheizt angegangen wird, als in Europa, wo dieser in unmittelbarer Nähe stattfindet und seine v.a. wirtschaftlichen Auswirkungen viel spürbarer sind.
Trotzdem löst Trump in Europa eine emotionale, hysterische Überreaktion aus, welche nicht durch solche Unterschiede in der Wahrnehmung zu erklären ist. Nicht einmal Bush Sohn rief einen solchen ungehemmten Jähzorn hervor.
Beidseitig des Atlantiks gibt es wenig Bewusstsein darüber, wie unterschiedlich das Wesen des Anderen tatsächlich ist. Es herrscht oftmals der Trugschluss, Amerikaner würden sich mit ihren kulturellen Vettern am ehesten verstehen, d.h. US-Amerikaner und Kanadier mit England bzw. Frankreich und Lateinamerikaner mit Spanien bzw. Portugal. Tatsächlich ist ungeachtet dieser unterschiedlichen kulturellen Wurzeln das Wesen der Amerikanischen Völker sich untereinander ähnlicher als zur jeweiligen europäischen Kultur. Im alltäglichen Denken und von der Sprache abgesehen verstünde sich ein Amerikaner besser mit einem Mexikaner als mit einem Engländer.
Der Grund dafür ist in der Entwicklung des amerikanischen Kontinents zu finden: Während Europa menschliche Zivilisation fast schon seit Anbeginn dieser beherbergt, und seit der Zeit der Römer vor tausenden von Jahren eine komplexe gesellschaftliche Ordnungen entwickelte; so wurde der amerikanische Kontinent erst über die letzten 500 Jahre kolonisiert. Noch im 19. Jahrhundert erschlossen Siedler im Angesicht enormer Widrigkeiten die letzten von Europäern unberührten Landstriche Amerikas.
Bei diesem Unterfangen waren die Kolonisten weitgehend auf sich alleine gestellt. Es gab ausserhalb der wichtigsten Siedlungen der Kolonien kein vorbestehendes System von gesellschaftlicher Ordnung, ausser dem, was man selber mit sich führte. Ebensowenig gab es eine zuverlässige Versorgung, man musste den Lebensunterhalt bis auf das Wesentlichste hin selbst bestreiten. Diesen Herausforderungen nicht gewachsen zu sein bedeutete nicht selten dass man nicht überleben würde.
Das daraus folgende Verständnis über gesellschaftliche Ordnung spiegelt sich in den amerikanischen Gesellschaften wieder: Kaum oder schlecht ausgebauter Sozialstaat, dezentrale und autonome (z.T. eigenständige) Sicherheit, Souveränität des Privatgrundstücks, weniger Regulierungen, usw..
Aber eben auch das Wesen, jenseits dieser Ordnung, ist durch die Geschichte geformt: Eigenständigkeit hat einen hohen Stellenwert und die Kapazität, sich Strömungen zu widersetzen, ist grösser. Wird in Europa die Bevölkerung oftmals wie eine Herde Schafe von den Massenmedien vor sich her getrieben, so tendieren nicht wenige Amerikaner eher dazu, ihrem Bauchgefühl zu folgen. Ein antrainierter Reflex aus Zeiten, wo Informationen rar und unzuverlässig waren, und das selber Erlernte grosse Bedeutung hatte. Man muss nur betrachten, wie weit verbreitet alle möglichen esoterischen und spirituellen Ideen (z.B. „Gesetz der Anziehung“) sind, welche in Europa bloss belächelt würden.
Europäische Populisten widersetzen sich zwar vielen gängigen Auffassungen, doch sie tun dies grundsätzlich innerhalb und mit Achtung des politischen Systems. Manche pochen gerade darauf, dieses System, das sie beschädigt sehen, stärken zu wollen. Es ist nachvollziehbar: Europa, dicht besiedelt und vergleichsweise arm an Ressourcen, könnte sich kaum die Art von individueller Eigenständigkeit leisten, die für das amerikanische Wesen so prägend ist. Keine der beiden Ansichten ist richtig oder falsch, besser oder schlechter. Sie sind einfach anders und ein Produkt ihres eigenen Werdegangs.
Trump, als in dem Sinne waschechter Amerikaner, stellt zumal das System an sich in Frage. Nicht aus einer Position einer Anarchie, sondern eines zivilisatorischen Ikonoklasmus, welcher das Alte und Morsche gerne abreissen will, um etwas neues aufzubauen. Er löst hierdurch eine Aufbruchsstimmung aus, welche an die frühen Siedler erinnert. Für den Europäer aber gleicht die Vorstellung, das System auf solche Art an den Wurzeln zu packen, einem zivilisatorischen Kollaps.
Auch das überzogene, zumal vulgäre Auftreten Trumps ist für viele Europäer schockierend, denn diese Verhaltensweise wird unterbewusst als ein Angriff auf das Protokoll des politischen Umgangs und damit auch auf die Grundsätze des politischen Umgangs gesehen. Erneut wirkt die koloniale Geschichte, welche Durchsetzungskraft, lautstark und protzig, zumal höher schätzt als verhalten präsentierte Zeugnisse und Referenzen; und welche auch nicht davor zurückschreitet, existierende Strukturen, von welchen der Europäer sich kaum vorstellen kann, darauf zu verzichten, grundlegend in Frage stellt.
Selbst in unserer globalisierten Welt, oder vielleicht gerade deswegen, haben die Allermeisten wenig Verständnis für diese tiefgreifenden kulturellen Unterschieden, und eher als dass Verständnis dafür gezeigt würde, beharrt man mehr und mehr darauf, dass die eigene Vorstellung die einzig richtige ist. Man will meinen, dass die weitreichende Vernetzung diese Unterschiede wett mache, doch dem ist nicht so, stattdessen ist ein Bewusstsein darüber oftmals ein wichtiges Werkzeug, um das Weltgeschehen ein wenig besser verstehen zu können.





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