A. M. Berger

Bescheidener Hausierer von Geschichten und Traktaten.

„Du und deine Verschwörungstheorien“, hörte er noch immer die Phrasen in seinem Kopf. Er legte etwas Holz auf dem Kamin nach, um die kleine Wohnung warm zu halten, und prüfte seine Vorräte. Ein Dachboden voll mit Konserven und Trockennahrung. Das würde noch lange halten.

Verschwörungstheoretiker, hatte man ihn immer wieder genannt, bis er es irgendwann nicht mehr hören konnte. Er verstand nicht, was die Leute dazu trieb, so mit Anderen umzugehen. Anstatt zuzuhören, auch wenn sie seine Ansichten nicht teilten, gleich wie dumme Hühner los zu gackern. Bestimmt, sagte er sich, das kam von der Angst, mit gewissen Tatsachen konfrontiert zu werden, die all zu frappant sind, aber war das ein Grund, jemanden zu verachten, ihn willentlich niederzumachen, zu blamieren?

Verschwörungstheoretiker, immer und immer wieder. Dabei hatte er es immer nur gut gemeint. Er wollte nicht dramatisieren, oder Lügenmärchen erzählen, um sich in Szene zu setzen. Er wollte nur seinen Sorgen Ausdruck geben, wenn auch diese nicht immer ganz orthodox waren. Ist das denn solch ein Verbrechen?

Das wenige Tageslicht schwand langsam, und er zündete eine Kerze an um eines der vielen Bücher zu lesen, die er in Kartonkisten aufbewahrte. Er war nie ein grosser Leser gewesen, aber umso mehr Bücher hatte er nun zum verschlingen in diesen langen Nächten. Diesen Abend aber, konnte er sich kaum konzentrieren. Er legte das Buch nieder, und lief in der kleinen Wohnung ein wenig auf und ab. Draussen fiel erneut Schnee. Er musste immer wieder an diese dämlichen Diskussionen denken. Mit der Zeit hatte er es nach und nach aufgegeben, traf sich weniger mit Familie und Freunden, wurde zu einem Eremiten. Anfangs sorgten sich manche noch um ihn, aber auch das währte nicht lange. Im Grunde waren sie froh, ihn weniger zu sehen. Keiner mochte es, dass in eine Konversation irgendwelche abweichenden Ideen eingebracht würden. Man wollte sich gegenseitig zustimmen, sich eine heile Welt ausmalen. Eine heile Welt, dachte er.

Es war Freitag, deshalb gab es Dosenravioli. Zumindest glaubte er, es sei Freitag, war sich aber nicht sicher. Trotzdem machte es sich am Kaminfeuer die Dosenravioli warm. Manchmal wünschte er sich trotzdem alle diese Leute zurück, die ihn so verachtet hatten. Auch wenn sie nur wie die Papageien mit Tourette-Syndrom immer wieder darauf zurückkommen mussten, ihn als Verschwörungstheoretiker zu bezeichnen. Er hätte ihnen gut und gerne vergeben, es ging ihm ja nur darum, mit etwas Anstand behandelt zu werden. Er meinte ja nicht, dass er sich nicht irren könnte. Aber wie sollte er denn wissen, ob er sich irrte, wenn niemand auf ihn eingehen wollte, sondern nur von „Verschwörungstheorien“ plärrte?

Die Dosenravioli schmeckten fein. Lag es am Aroma vom Rauch des Kaminfeuers? Vielleicht auch nur Einbildung. Er hätte auch die Leute, die ihn so verachtet hatten, gerne zu sich eingeladen, aber sie waren nun weg. Selbst als die Atombomben gezündet wurden, meinten sie noch, das würde sich schon wieder einpegeln. Doch dann kam der nukleare Winter. Ein Jahr lang würde es kalt werden, mit kaum Sonne. Bald schon fehlten Nahrungsmittel, dann fielen Strom- und Wasserversorgung aus. Die Leute konnten nicht heizen, erfroren in ihren Wohnungen. Bald gab es Krawalle, Aufstände, Plünderungen. Viele wurden in den ersten Wochen überfallen und ermordet, irgendwann verschwanden auch diese Verbrecherbanden. Wahrscheinlich erfroren oder verhungert.

Er hatte sich früh eingedeckt mit allem was nötig war. Lebensmittel, Brennholz, Kerzen. Genug um diesen langen Winter zu überdauern. Man hätte meinen können, er würde Genugtuung verspürt, doch er wünschte sich jeden Tag, unrecht gehabt zu haben. Er hatte ja nie jemandem etwas schlechtes gewünscht. Im Gegenteil, er hatte den Anderen helfen wollen. Und das machte ihn offenbar zum Verschwörungstheoretiker.

Er ass die Ravioli zu ende, und holte sich dann ein neues Buch, da ihm das vorherige nicht so gefallen hatte. Der Planet der Affen schien ihm in dem Moment nicht die angebrachteste Lektüre.

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Herr Berger

A. M. Berger, der bescheidene Hausierer von Geschichten und Traktaten, ist in der Schweiz ansässiger Philosoph und Autor von Romanen und Kurzgeschichten.
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