Hinter den Vorhang zu blicken war Herolds grösster Fehler gewesen. Was er gesehen hatte, als er hinter den Vorhang des Grossen Theaters schaute, konnte er nicht mehr vergessen. Alle schauten jeden Abend die Vorstellung des Grossen Theaters an, immer mitgerissen vom Konflikt und Drama, von der Freude und Trauer, von Hass und Liebe die auf der Bühne stattfanden. Nur Herold wusste, dass es alles ein Schauspiel war, dass alles nur gespielt wurde. Alle anderen sahen zwischen dem Schauspiel und der Realität keinen Unterschied, das eine verschmelzte mit dem anderen, es gab keinen Anhaltspunkt für sie darüber, wo die Realität endete, und das Schauspiel anfing. Schliesslich war das Schauspiel des Grossen Theaters ja auch Teil der Realität. Wie hätte jemand behaupten können es sei nicht echt, wenn es doch dort greifbar auf der Bühne war?
Doch Herold wusste jetzt, dass es alles nur gespielt war, ein Drehbuch das zuvor erdacht und ausgelegt, von den Schauspielern gelernt und wiedergegeben wurde. Nichts unterlag hier dem Zufall, keine Wendung war überraschend, keine Reaktion unerwartet. Alles war schon vorher entschieden. Und seitdem Herold das wusste, konnten die Vorführungen vom Grossen Theater in ihm nicht mehr die gleiche Leidenschaft hervorrufen. Tagsüber plauderten alle gerne über die letzte Vorführung, doch Herold kam das ganze nur noch absurd vor. Über ein Schauspiel zu sprechen, als sei es echt, das war doch hirnrissig. Als er das erklärte, lachten alle zuerst. Es war eine vollkommen lächerliche Idee dass das, was sie alle jeden Abend im Grossen Theater erleben durften, im vornherein schon geschrieben worden war und die Menschen dort nur Schauspieler seien. Warum sollten sie das tun? Herold wusste keine Antwort darauf. Und dass er keine Antwort darauf hatte, war für die Anderen Beweis genug, dass er Unsinn erzählte.
Doch Herold konnte sich nicht mehr dahin zurückversetzen, dass er das Schauspiel als wahr empfinde. Jeden Abend sass er gelangweilt im Grossen Theater und konnte sich nicht mehr für das interessieren, was auf der Bühne passierte. Er fragte sich wer dieses Drehbuch geschrieben hatte, warum er das tat, woher diese Schauspieler kamen. Und vor allem: Was dieses ganze Theater überhaupt sollte. Denn die Frage, weshalb sie das tun sollten, welche er sich zuvor selber nicht gestellt hatte, nagte jetzt an ihm.
Wie Herold nicht mehr über die Vorführungen reden mochte, wurde er den Anderen suspekt. Warum nur beharrte er auf seinen komischen Ideen, anstatt wie alle anderen die Vorführung zu kommentieren? Was war bloss in ihn gefahren? Manche sorgten sich um ihn, versuchten ihm zu helfen, seine abstrusen Einbildungen beiseite zu legen. Doch Herold konnte nicht vergessen was er sah, als er kurz hinter den Vorhang geblickt hatte.
Einstmals änderte sich aber der Ton der Vorführungen, und in der Vorführung selbst begannen die Schauspieler darüber zu reden, ob es denn Menschen gäbe, die meinen die Vorführungen im Grossen Theater seien nur ein Schauspiel. Die gäbe es, und es seien Menschen die sehr gefährlich sein konnten, denn sie glaubten unsinnige Sachen, und die, die von Unsinn überzeugt werden können, können auch zu Gräueltaten getrieben werden. Das hatte schon Voltaire gesagt. Solche Hirngespinste waren also keineswegs harmlos. Als sie alle das hörten, dachten viele gleich an Herold, denn er hatte zumal gesagt, die Vorführungen seien ja nur gespielt.
Dieses Thema wurde in den kommenden Vorführungen immer und immer wieder aufgegriffen, bis es dazu kam, dass eine Figur die selber sagte, es sei alles nur gespielt, einer anderen Unrecht tat. Die restlichen Figuren spielten nun grosse Trauer über das, was dieser Bösewicht angerichtet hatte. Zum ersten mal verliessen alle das Grosse Theater mit einem unguten Gefühl von Angst und Verdacht. Herold wurde von allen mit Argwohn betrachtet, er wurde gemieden, auch seine ehemaligen Freunde wollten sich nicht mehr mit ihm blicken lassen, denn man könnte ja meinen sie teilen seine unsinnigen, gefährlichen Ideen. Herold bestand darauf, dass das alles nur ein Schauspiel sei, und man ihnen das alles nur einreden wollte damit sie es nicht selber erkannten. Doch es bestätigte nur den Verdacht: Wer so von den Menschen auf der Bühne denkt, der wird auch deren Probleme und Sorgen nicht ernst nehmen; er ist ein Unmensch, ein Tyrann.
Die Vorführungen wurden nun immer finsterer und freudloser. Immer wieder handelten sie davon, dass die Menschen die diese Vorführungen als Schauspiel bezeichneten nur Hass und Lügen säten, den Frieden und Zusammenhalt zerschlugen, Gewalt und Unterdrückung aufzwingen wollten. Der Argwohn gegenüber Herold wandelte sich zu Verachtung. Sie fühlten sich von seinen Gedanken bedroht, als sei er ein dialektischer Brandstifter der die Häuser ihres Geistes in Brand stecken würde. Und wie Herold darauf bestand, dass das alles nur gelogen war, dass die Schauspieler das nur sagten, weil es in einem Drehbuch stand, so fühlten sie sich bestätigt.
Warum auch sollte jemand glauben, dass das Grosse Theater nur ein Schauspiel war, wenn doch kein aufrechter Mensch so etwas behaupten würde. Alle die das behaupteten, waren keine aufrechten Menschen, denn sie behaupteten das.
Eines Tages erschien Herold nicht mehr zur Vorführung im Grossen Theater. Keine wusste wo er war. Keiner wollte es wissen. Niemand wünschte ihm etwas schlechtes, doch wenn es passiert war, dann war er wohl selber schuld. Denn wer, wie Herold, Lügen, Hass und Gewalt verbreitet, der muss sich nicht wundern wenn ihm das selber widerfährt.
In der Vorführung erinnerten die Figuren auf der Bühne ihre Zuschauer daran, immer wachsam zu sein wenn jemand Lügen verbreitete und behaupten wollte, die Vorführungen im Grossen Theater seien nur ein Schauspiel. Denn solche Menschen waren gefährlich. Niemand sollte jemals Lügen verbreiten. Und das, was Wahrheit oder Lüge sei, das würden sie schon im Grossen Theater erfahren.





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